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Pflegenotstand:Demo für mehr Pflegekräfte in Krankenhäusern

Pflegenotstand

Auf dem Schrannenplatz haben sich am Dienstagnachmittag anlässlich der Gesundheitsministerkonferenz am Mittwoch zu einer Kundgebung zusammengefunden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch das Helios-Amper-Klinikum leidet unter dem Fachkräftemangel. Vorwürfe, man unterdrücke Kritik von Mitarbeitern, weist das Unternehmen zurück

Von Jacqueline Lang, Dachau

Einen Tag vor der einmal im Jahr stattfindenden Gesundheitsministerkonferenz am Mittwochvormittag haben sich wie auch schon in den vergangenen Jahren auf dem Schrannenplatz etwa 20 Menschen versammelt, um für die Rechte von Pflegerinnen und Pflegern und gegen die Privatisierung von Kliniken zu demonstrieren. Aufgerufen zu der Kundgebung hatten das Bündnis "Systemrelevant & Ungeduldig - Bündnis gegen Privatisierung und für mehr Personal im Krankenhaus Dachau" und die Unabhängige Betriebsgruppe am Klinikum Dachau. Als einziger Vertreter der Politik ist an diesem Nachmittag der Bundestagsabgeordnete Michael Schrodi (SPD) anwesend. Er wolle sich solidarisch mit den Forderungen der Organisatoren zeigen, sagt er. In der jüngsten Vergangenheit hatte Schrodi selbst immer wieder scharf gegen Helios, den Betreiber des Dachauer und Indersdorfer Klinikums, geschossen.

Eine Sprecherin des Helios-Amper-Klinikums erklärt auf Nachfrage, die seit Jahren immer wieder vorgebrachten Vorwürfe gegen ihr Haus, entsprächen nicht den Tatsachen. "Im Gegenteil, unsere Beschäftigten sind irritiert, dass Stimmen Einzelner zu einer anhaltend negativen Berichterstattung und damit zu einem Imageschaden führen."

Konstruktive Kritik sei immer willkommen. Es sei jedoch beispielsweise nicht zutreffend, dass Stellen abgebaut würden - im Gegenteil: "Wir planen fortlaufend Neueinstellungen in der Pflege und freuen uns über Bewerbungen von Pflegefachkräften."Aufgrund des in der gesamten Branche herrschenden Fachkräftemangels tue man auch viel, um für Mitarbeiter attraktiv zu sein. Konkret bedeute das: flexible Arbeitszeitmodelle, eine 38,5-Stunden-Woche, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, persönliche und berufliche Weiterentwicklung.

Aus dem Mund von Matthias Gramlich, Pfleger am Helios Klinikum in Dachau, klingt das alles etwas anders: Wer sich beschwere, stoße auf "verschlossene Türen und taube Ohren", erzählt er den umstehenden Demonstranten bei der Kundgebung. Den Verantwortlichen seien alle Mittel recht, um mehr Geld zu erwirtschaften. Wer das nicht hinnehmen wolle, werde eingeschüchtert. So erklärt der Pfleger auch, warum er bei den Kundgebungen stets der Einzige sei, der aus Pflegersicht öffentlich über die aus seiner Sicht verheerenden Zustände am Dachauer Klinikum spricht.

Pflegenotstand

Theresa W. fühlt sich von den Zuständen am Klinikum als „potenzielle Patientin“ betroffen.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Fragt man Theresa W., die selbst regelmäßig an den Kundgebungen teilnimmt, wie es sein könne, dass das Thema augenscheinlich so wenige Menschen interessiere, wenn alles so schlimm sei, wie von Gramlich beschrieben, sagte sie, die Situation werde seitens der Politik und seitens des Klinikums bewusst verharmlost. Zudem wisse auch sie von Einschüchterungsversuchen gegen die Belegschaft. Viele von ihnen hätten nach einer Schicht schlicht keine Kraft mehr zu demonstrieren. Warum sie selbst sich einsetzt? "Ich bin betroffene als potenzielle Patientin", sagt W.

Ähnlich sieht das Elisabeth S. Auf einem Schild, das sie an diesem Tag in die Höhe hält, steht: "Aufgrund des Personalmangels musste ich Angst haben, dass meine Oma eine Lungenembolie bekommt." Ihre 84-jährige Großmutter, erzählt sie auf Nachfrage, sei an Lungenkrebs erkrankt. Daraufhin habe ihr ein Lungenflügel entfernt werden müssen. Um die Gefahr einer Embolie zu minimieren, wäre es eigentlich nötig gewesen, sich viel zu bewegen. Doch Pfleger, die ihre Oma daran hätten erinnern können, habe es kaum gegeben. Auch als diese Einläufe bekommen habe und dadurch ständig aufs Klo gemusst habe, sei nicht immer sofort jemand gekommen, weil zu wenige Pflegerinnen auf Station gewesen seien. S.s Stimme gerät ins Stocken, als sie von diesen "unmenschlichen" Zuständen erzählt.

Eine andere Frau, die im Vorbeigehen auf die Kundgebung aufmerksam geworden und stehen geblieben ist, sagt, ihr sei die Diskussion neu. Die geschilderten Zustände seien schlimm. Allerdings findet sie, man müsse "beide Seiten hören".

Tut man genau das, bekommt man eine ebenso klare Antwort wie von den Demonstrierenden: "Unser Dachauer Pflegeteam besteht aus vielen langjährigen und zufriedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die gern in ihrem Klinikum arbeiten", so eine Sprecherin des Amperklinikums. Die Frage einer Rekommunalisierung, wie von den Aktivistinnen gefordert, stelle sich deshalb nicht, denn die aktuellen Herausforderungen an die Krankenhäuser seien nicht abhängig davon, wer der Träger sei.

Wie auch schon in den vergangenen Monaten und Jahren stehen also auch dieses Mal wieder Aussage gegen Aussage. Eine Einigung scheint nicht in Sicht. Im Gegenteil: Helga Schmid, eine der Organisatorinnen der Demonstration,fordert in ihrer Rede gar einen "bundesweiten Massenstreik".

© SZ vom 17.06.2021
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