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Dachau:Es muss gehen, auch wenn's nicht geht

Interview Pflegestufe

Der Behindertenbeauftragte Hartmut Baumgärtner setzt sich sehr für Elfriede Guenther ein.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Elfriede Guenther ist 89, sie sieht schlecht und das Laufen fällt ihr schwer. Der Versuch, eine höhere Pflegestufe zu erlangen, endet damit, dass die Frau nun gar keine Hilfe mehr bekommt. Offenbar ist sie kein Einzelfall

Von Julia Putzger, Dachau

Wenn Elfriede Guenther ihre Wohnung in der Dachauer Altstadt verlassen will, wartet sie so lange, bis sie einen der Nachbarn im Treppenhaus hört, der ihr die Stufen bis zur Eingangstür hinab helfen kann - und wenn niemand kommt, dann müht sie sich sehr, sehr langsam selbst hinaus. Mit ihren 89 Jahren kann Guenther nicht die ganze Zeit in der Wohnung verbringen, fast jeden Tag muss sie für Arztbesuche aus dem Haus. Eigentlich bräuchte Elfriede Guenther in ihrem Alltag Hilfe. Aber die bekommt sie nicht. Denn schon vier Mal hat der MDK, der medizinische Dienst der Krankenversicherung, ihren Antrag auf Einstufung eines Pflegegrads abgelehnt. Gleichzeitig kann sie sich aber auch keine private Hilfe leisten, dafür reicht ihre knappe Rente nicht. Und so "muss es eben weiter gehen, wie auch immer", stellt die Dachauerin resigniert fest. Sie ist nicht die einzige im Landkreis, der es so geht.

Elfriede Guenther hat ihr ganzes Leben in Dachau verbracht, lange Jahre war sie in der Papierfabrik als Fernschreiberin tätig. Verheiratet war sie nie, Kinder hat sie keine. Da niemand für sie sorgt, muss Guenther sich ihren Alltag selbst arrangieren, so gut es eben geht. "Und wenn dann Gutachter vor Ort sind, stellen die fest, dass ja alles klappt und die Frau selbständig ist", sagt Hartmut Baumgärtner. Von Seiten des MDK heißt es dann, dass die Gutachter qualifiziert seien, "die familiäre Situation differenziert zu betrachten".

Hartmut Baumgärtner ist der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte der Stadt und des Landkreises Dachau. "Aber es hat sich herumgesprochen, dass ich ein offenes Ohr habe und mich auch bei Fragen rund um Pflege auskenne", erklärt der pensionierte Altenpfleger. Um mindestens fünf weitere ähnliche Fälle wie Elfriede Guenther kümmere er sich. Allein für die 89-Jährige hat er einen dicken gelben Ordner, in dem Schriftwechsel zwischen ihm und dem MDK seit 2016 abgeheftet sind. Aufgrund einer Augenerkrankung sieht die alte Dame wenig, nicht immer versteht sie alle Fragen, die man ihr im Gespräch stellt. Und so sitzt sie stattdessen meist zweimal im Monat in Baumgärtners Büro.

Vor vier Jahren stellte Guenther zum ersten Mal einen Antrag auf Einstufung eines Pflegegrads. Zunächst sah es gut aus: Pflegegrad eins, die unterste Stufe im System wurde festgestellt. Daraufhin stellten Guenther und Baumgärtner einen neuerlichen Antrag für eine höhere Einstufung. Als dann der nächste Bescheid des MDK eintraf, staunten sie nicht schlecht: Statt die Seniorin höher einzustufen, wurde ihr die bisherige Stufe kurzerhand aberkannt, somit stand ihr keine Hilfe mehr zur Verfügung. "Das gibt's doch nicht, dass ich auf einmal gesünder werde. Ich bin ja keine 45 mehr, in meinem Alter, da kommt eher jedes Jahr noch was dazu", ist Guenther empört. Vom MDK heißt es auf Anfrage: "Zu einer Rückstufung kann es kommen, wenn sich im Vergleich zum Vorgutachten der Gesundheitszustand und damit verbunden die Einschränkung der Selbständigkeit und Fähigkeiten deutlich gebessert haben." Was weder Guenther noch Baumgärtner im konkreten Fall bestätigen können.

Seitdem hat der Behindertenbeauftragte zwei weitere Anträge für eine Pflegeeinstufung Guenthers gestellt, auf die negativen Gutachten hin legte er Widerspruch ein - doch zwecklos. Beim letzten Antrag legte er sogar ein Schreiben von Guenthers Hausärzten bei: 25 verschiedene Diagnosen sind dort aufgelistet, von Durchblutungsstörungen und Gehproblemen bis zu einem Herzinfarkt. Es endet mit dem Plädoyer, die Pflegebedürftigkeit der Dachauerin doch endlich zu erkennen. Doch auch der 16-seitige Bescheid des MDK, der Mitte August eintrudelte, kam zum Ergebnis: Elfriede Guenther kann ihren Alltag bis auf kleine Einschränkungen noch gut selbständig bewältigen, ist also nicht pflegebedürftig. Lediglich 7,5 Punkte erreicht sie in der Bewertung - 12,5 wären für den Pflegegrad eins mindestens notwendig. Das Gutachten selbst fand aufgrund der Corona-Pandemie nur mittels telefonischer Befragung statt. Laut MDK käme es dadurch tendenziell eher zu höheren Einstufungen. Für Elfriede Guenther heißt es also weiterhin: "Irgendwie muss es eben gehen."

Manchmal versucht sie sich selbst mit den Kompressionsstrümpfen und Verbänden an ihren Beinen, aber dann muss sie mehrere Pausen einlegen. Die Dutzenden Medikamente, die Guenther täglich nehmen muss, richtet sie sich selbst her - obwohl ihr Sehvermögen stark eingeschränkt ist. Der ambulante Dienst für medizinische Versorgung könnte ihr zuhause dabei nur helfen, wenn sie eine Pflegeeinstufung hätte. Ebenso verhält es sich mit einer Haushaltshilfe, die Guenther zum Beispiel beim Putzen helfen könnte. Vor ihren Fenstern hängen deshalb nur noch leere Gardinenstangen. Selbst kochen kann Guenther nicht mehr, da sie so schlecht sieht. Mittags bekommt sie vom Lokal Gasteiger ein warmes Essen geliefert. Abends isst sie den Rest der Portion kalt.

So werden die Pflegestufen ermittelt

In Deutschland gibt es fünf Pflegegrade, wobei Eins den niedrigsten und Fünf den höchsten Grad an Pflegebedürftigkeit angibt. Für die Einstufung beurteilen Gutachter sechs Lebensbereiche. Dies sind: Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweise und psychische Belastung, Selbstversorgung, Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen sowie Gestaltung des Alltagslebens. Die Bereiche sind unterschiedlich stark gewichtet, mit 40 Prozent spielt das Modul Selbstversorgung die wichtigste Rolle. Die Gutachter nehmen für die Einstufung einen standardisierten Fragebogen zu Hilfe. Nach der darin vergebenen Punkteanzahl richtet sich dann auch die Einstufung des jeweiligen Pflegegrads. Nur wer mittels dieses Verfahrens als pflegebedürftig eingestuft wurde, erhält auch Leistungen aus der Pflegekasse. Mit zunehmender Bedürftigkeit steigt die Höhe der Geld und Sachleistungen. In Bayern führte der Medizinischer Dienst der Krankenversicherung 2019 rund 325000 Feststellungen durch, wobei in rund elf Prozent der Fälle keine Pflegebedürftigkeit festgestellt wurde. Bei rund 18 Prozent wurde Pflegegrad eins, bei rund 29 Prozent Pflegegrad zwei, bei 22 Prozent Pflegegrad drei, bei rund 13 Prozent Pflegegrad vier und bei sieben Prozent Pflegegrad fünf festgestellt. JUPU

"Das ist wie bei einer Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt", klagt Baumgärtner. "Wenn sie keine Hilfe bekommt, wird die Situation an sich auch immer schlechter. Ich kann die Einschätzungen der Gutachter einfach nicht nachvollziehen. Wenn ich als Altenpfleger für solche Zustände verantwortlich gewesen wäre, hätte man mich wegen gefährlicher Pflege angeklagt." Baumgärtner erklärt, dass es prinzipiell möglich wäre, vor Gericht zu ziehen. Er als Behindertenbeauftragte dürfte das allerdings nicht, weil er keine rechtliche Beratung geben darf, Elfriede Guenther kann es nicht, und einen Pflegestützpunkt der Gesundheitsregion Plus, der dies könnte, existiert in Dachau nicht. "Bereits vor zwei Jahren wurde ein entsprechender Antrag gestellt", beschwichtigt Bernhard Seidenath (CSU), Landtagsabgeordneter und Mitglied im Aufsichtsrat der Dachauer Gesundheitsregion Plus. Er sei zuversichtlich, dass in den kommenden Monaten der bayernweit erste Pflegestützpunkt in Dachau eröffnet werden könne.

Eine weitere Möglichkeit gäbe es, die für Guenther momentan allerdings nicht in Frage kommt: ein Heim. "Ich möchte so lange wie möglich selbständig leben", sagt die Seniorin. Baumgärtner hofft deshalb, dass sich Nachbarschaftshelfer und Ehrenamtliche besser organisieren, um Menschen wie Guenther zu helfen. Bisher seien solche Initiativen wenig koordiniert gewesen. Elfriede Guenther betont, sie wolle nicht um Hilfe betteln und auch bei niemand Mitleid erregen. Aber sie fühlt sich vom MDK im Stich gelassen und ungerecht behandelt. Irgendwas stimmt am System nicht. Hartmut Baumgärtners nächster Schritt wird sein, Widerspruch gegen den jüngsten Bescheid einzulegen.

© SZ vom 10.09.2020

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