Peterhausen Der Zügige

Josef Mittl ärgerte sich immer wieder über die Verspätungen der Bahn in Petershausen. Nun spürt er mit akribischem Eifer die Schwächen im Fahrplan des Schienenverkehrs auf - und hilft sie zu beheben.

Von Petra Schafflik

Petershausen Bahnhof Bahnkritiker Josef Mittl Foto: Jørgensen

(Foto: DAH)

- "Nur schimpfen bringt nichts," sagt Josef Mittl. Als der 46-jährige Berufspendler aus Petershausen im Sommer permanente Verspätungen beim Regionalzug München-Ingolstadt registrierte, der auch in Dachau und Petershausen hält, schrieb er deshalb keine wütenden E-Mails. Dafür arbeitete er sich ein in die Fachterminologie von Kursbuchstrecken und Zugnummern, holte sich Daten aus dem Reiseinformationssystem der Bahn und dokumentierte akribisch in detaillierten Listen die beinahe täglichen Verspätungen. Auf diese Art ist dem "begeisterten Bahnfahrer" gelungen, was erfahrene Interessenvertreter vom Fahrgastverband Pro Bahn als "Volltreffer" loben: Bayerische Eisenbahngesellschaft und DB Region haben Maßnahmen gestartet, um organisatorische und technische Ursachen der Unpünktlichkeit zu beheben. Erste Erfolge haben sich bereits eingestellt: In zwei Wochen nur eine einzige Verspätung - "da tut sich was", freute sich Mittl - gemeinsam mit seinen leidgeprüften Mitreisenden.

Angetrieben wird Josef Mittl von einer großen Begeisterung für das Transportmittel Bahn, die dem Systemadministrator schon in die Wiege gelegt wurde. "Mein Vater war als Eisenbahner der letzte Schrankenwärter auf Posten 10 in Petershausen." Sein gesamtes Berufsleben lang ist der gelernte Bibliothekar von Petershausen aus mit dem Zug zur Arbeit nach München gependelt. Aufmerksam hat er all die Jahre die Entwicklungen im Nahverkehr beobachtet. Lange sei "pünktlich wie die Bahn" nicht eine ironische Redewendung, sondern Realität des Alltags gewesen. Mit dem Bus zum Zug, dann in einem ruhigen Abteil bis zur Innenstadt fahren, entspannt im Büro ankommen: "Diese Zeiten sind vorbei." Vom Beobachter zum Akteur wurde Josef Mittl dann vor einigen Jahren, als ein von Pendlern geschätzter Regionalexpress plötzlich nicht mehr in Petershausen hielt. Seitdem setzt sich der Familienvater dafür ein, dass der öffentliche Nahverkehr ein attraktives Verkehrsmittel bleibt. Er ist nicht nur Mitglied beim Fahrgastverband Pro Bahn, sondern kümmert sich auch als sogenannter Bahnhofspate ehrenamtlich in seiner Heimatgemeinde um die Belange der Bahnkunden: Und er versucht als Projektleiter "Mobilität und Verkehr" beim örtlichen Klimaschutz-Leitbild sogar Pendler vom Umstieg auf Bus und Bahn zu überzeugen. Denn im dicht besiedelten Großraum München sei die Bahn unverzichtbares Transportmittel, ist Mittl überzeugt. Gerade deshalb bereitet im die jüngere Entwicklung Sorge. "Wenige Minuten können das gesamte System zum Einsturz bringen."

Was er damit meint, erklärt Mittl am Beispiel Petershausen. Dort verpassen Berufspendler seit diesem Sommer regelmäßig wegen verspäteter Züge ihren letzten Linienbus nach Hause. Die Folge: Mehr und mehr Reisende fahren mit dem Auto - zum Bahnhof, wo die Parkplätze jetzt schon überfüllt sind - oder gleich bis zu ihrem Arbeitsplatz. Konkret weiß Mittl von zwei langjährigen Pendler-Kollegen, "die aufgegeben haben". Zu nervenaufreibend empfanden sie die tagtägliche Unpünktlichkeit, zu anstrengend die Fahrt in den immer überfüllten Zügen. Diese Entwicklung will Mittl nicht hinnehmen. "Ich möchte mir die Bahn nicht kaputt machen lassen."

Bei den Verspätungen des Regionalexpress, die enorm zugenommen haben, seit die Bahn die Strecke Richtung Nürnberg ausbaut, hat Mittl die zuständigen Experten mit einem "Dialog auf Augenhöhe" überzeugt. Tatsächlich waren nämlich die Bauarbeiten gar nicht Ursache der monierten Verspätungen, wie Mittls akribische Recherchen ergeben haben. "Der fragliche Zug kommt nicht aus Ingolstadt, sondern leer aus Pasing, er wird einfach am Hauptbahnhof nicht rechtzeitig bereitgestellt." Diese konkrete Fehleranalyse haben DB Regio und Bayerische Eisenbahngesellschaft schließlich auf Trab gebracht. Und Josef Mittl hätte noch weitere Ideen für Verbesserungen, die Verantwortlichen müssten ihn nur einmal fragen.

Doch bei aller Kritik mag sich Josef Mittl die Bahn nicht schlechtreden lassen. Auch wenn vorige Woche beim Regionalexpress wieder drei von vier Zügen verspätet waren, der alte Schlendrian wieder einzureißen droht. Die zweiwöchige Phase pünktlicher Züge zeige, "dass es geht". Josef Mittl wird daher wieder recherchieren, Buch führen und Fehlermeldungen weiterleiten. Engagierte Mitstreiter wären ihm sehr willkommen. Letztlich gehe es um die Zukunft der Mobilität in der Region und "um zurückgewonnene Lebensqualität".