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"Ottilien-Babys":Symposium: Historiker, Zeitzeugen und Mönche

Forscher diskutieren mit Shoa-Überlebenden, Nachfahren von Ärzten und Pflegern ihre Ergebnisse. Auch Benediktinermönche nehmen an der Zusammenkunft teil

Anhand von elf Tafeln können Besucher bei einem Rundgang durch Sankt Ottilien nun dessen jüdische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg nachvollziehen. In den Gebäuden wurde 1945 das erste jüdische Krankenhaus in der amerikanischen Zone eingerichtet. Etwa 5000 Überlebende des Holocaust wurden dort in den Jahren zwischen 1945 und 1948 medizinisch behandelt, mehr als 400 Kinder kamen zur Welt.

Einige von ihnen sind am Wochenende an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Die "Ottilien-Babys" mit Angehörigen, jüdische Überlebende des Holocaust, die Nachkommen von Ärzten und Pflegern sowie Wissenschaftler sind seit Sonntag im Exerzitienhaus zu einem dreitägigen Symposium versammelt. Viele kommen aus Israel, wohin ihre Eltern ausgewandert sind, einige sind aus Australien, Südafrika oder den USA angereist. Die Historiker präsentieren ihre Erkenntnisse, die Zeitzeugen schildern ihre Erinnerungen, die Benediktinermönche berichten aus ihrer Überlieferung. Alle zusammen diskutieren über offene Fragen und Forschungslücken.

Für viele ist die Rückkehr an den Ort, an dem ihr Leben begann, ein bewegender Moment. Einige haben alte Pässe dabei, in denen Sankt Ottilien als Geburtsort eingetragen ist. Möglich geworden ist diese Veranstaltung dank der Offenheit, mit der die Erzabtei mit der Vergangenheit umgeht. Seinerzeit waren die Mönche wenig begeistert über die jüdischen Patienten, die ihnen den Platz wegnahmen. Dass in Sankt Ottilien ein jüdisches Krankenhaus existierte, war bekannt, schon der jüdische Friedhof am Bahnhof erinnert daran. Die Benediktiner erwähnten das Hospital und die Ottilien-Babys immer wieder in ihren Publikationen. Volker Gold hat 1985 auf das Krankenhaus hingewiesen, im Zusammenhang mit dem Massaker von Schwabhausen, wo US-Flieger Ende April 1945 versehentlich einen Häftlingszug bombardierten, den die SS als eine Art menschlichen Schutzschild für einen Munitionstransport nutzte.

Angeregt von Pater Cyril Schäfer haben Mitarbeiter des Jüdischen Museums sowie der Ludwig-Maximilians Universität in München begonnen, die Geschichte des Hospitals wissenschaftlich aufzuarbeiten. Aus diesen Recherchen sind die elf Tafeln des Rundgangs auf dem Klosterareal hervorgegangenen, die zwölfte Tafel steht im nahen Schwabhausen, dazu eine Ausstellung über das Benediktinerkloster und seine jüdische Geschichte, die in der Galerie des Klosterladens gezeigt wird. Dazu präsentiert das Jüdische Museum in München eine Installation mit Arbeiten des israelischen Künstlers Benjamin Reich.

Bei der Eröffnung der Ausstellung und des Symposiums am Sonntag spannten alle Redner den Bogen zur Gegenwart. Die Historikerin Andrea Sinn erinnerte an die Flüchtlinge von heute, die Hilfe und Schutz benötigen. Die Shoa sei "Teil unserer Geschichte", betonte Landsbergs Landrat Thomas Eichinger (CSU). Er wünscht sich, dass die Ausstellung dazu beiträgt, dass "der ganze Landkreis" wahrnimmt, was dort geschah. Charlotte Knobloch kritisierte die "diffuse Sehnsucht in der Bevölkerung nach einem Schlussstrich". Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München lobte die feste Entschlossenheit zur historischen Aufarbeitung. Die ist notwendig in einer Zeit, in der eine "rechtsextreme Partei mit Holocaustleugnern und Antisemiten" in den Parlamenten vertreten sei. bip

Die Ausstellung im Klosterladen ist bis zum 23. September zu sehen.