Mit dem Akkuschrauber geht es ganz schnell. Zwei Schrauben oben, zwei Schrauben unten, schon ist die Beute bereit zum Abtransport: ein gelbes Ortsschild aus Aluminium, CE-zertifiziert mit RAL-Gütezeichen. In den vergangenen Monaten wurden entlang mehrerer Kreisstraßen im Landkreis Dachau Ortseingangsschilder entwendet. So etwas passiert immer wieder, doch in letzter Zeit häufen sich die Diebstähle. Seit Januar 2025 sind dem Landkreis auf diese Weise 25 Verkehrsschilder abhandengekommen, darunter Einzelschilder mit Pfeil oder Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Damit breitet sich eine Unsitte aus, die man wohl nirgendwo so gut kennt wie in Asbach in der Gemeinde Petershausen. Mehr als 30 Mal wurden die Asbach-Schilder in den vergangenen fünf Jahren demontiert und mitgenommen, allein 2024 schlugen Diebe dort achtmal zu. „Alle zwei Monate ist das Schild weg“, sagt Hildegard Weßner am Telefon. Sie ist selbst Einwohnerin in dem 160-Seelendorf Asbach. Außerdem ist sie die Zweite Bürgermeisterin der Gemeinde Petershausen, in deren Zuständigkeit die Dorfstraße liegt.
Verantwortlich für die enorme Beliebtheit der Asbach-Schilder dürfte die Namensverwandtschaft mit einem bekannten deutschen Weinbrand sein. So etwas macht sich gut im Partykeller. Ortsschilder mit kuriosen oder vulgär klingenden Namen entfalten offenbar eine besondere Anziehungskraft. Berühmte Hotspots sind die Ortseingänge von Poppenhausen, Petting und Sexau; im österreichischen Fucking nahmen die Diebstähle derart überhand, dass sich die Gemeinde nicht mehr anders zu helfen wusste, als sich umzubenennen in Fugging. An der Kreisstraße DAH6 traf es zuletzt Unterweikertshofen im Gemeindegebiet Erdweg.
„Gefährlich und allgemeinheitsschädigend“
Das Landratsamt Dachau sieht in solchen Taten keineswegs harmlose Streiche: „Die Diebstähle stellen ein ernst zu nehmendes Risiko für die Verkehrssicherheit dar und verursachen erhebliche Kosten für die Allgemeinheit“, schreibt die Behörde in einer Pressemitteilung. „Fehlen diese Schilder, kann es zu gefährlichen Situationen kommen, da Autofahrerinnen und Autofahrer nicht eindeutig erkennen, dass sie sich in einem innerörtlichen Bereich mit erhöhtem Fußgänger- und Radverkehr sowie Anliegerverkehr befinden.“
Damit die Autofahrer nicht ungebremst in die Ortschaft rasen, montiert die Behörde als erstes Tempo-50-Schilder an die leeren Stangen. Die gestohlenen Ortsschilder müssen in der Regel erst einzeln nachbestellt werden. Für ein neues Schild, inklusive Montage, sagt die Sprecherin des Landratsamts, müsse man mit rund 250 bis 300 Euro rechnen. Die Behörde appelliert deshalb, solche „gefährlichen und allgemeinheitsschädigenden“ Taten bleibenzulassen. Wer verdächtige Beobachtungen mache, solle diese umgehend der Polizei oder der zuständigen Verwaltung melden.
Die Diebe kommen „bei Nacht und Nebel“
Gelegenheit dazu ergibt sich allerdings nur selten. Schilderdiebe schlagen bevorzugt in ländlichen Gegenden zu, vor allem dann, wenn auf den Straßen wenig los ist. Diese Erfahrung haben sie auch in Asbach gemacht. „Die kommen bei Nacht und Nebel“, sagt Hildegard Weßner. Einmal haben sich doch vier junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren erwischen lassen, als sie mit Werkzeugen am Ortsschild hantierten. Vor Gericht behaupteten sie, nur die Befestigung der Schilder geprüft zu haben. Hat ihnen natürlich keiner abgenommen.
Befestigt sind die Ortsschilder in Asbach vermutlich besser als an jedem anderen Ort im Landkreis Dachau. Nach Auskunft der Bürgermeisterin wurden sie sogar schon mit Klammern und Nieten verstärkt. „Unser Bauhof ist da sehr erfinderisch.“ Statt mit Schraubenzieher kamen die Diebe danach mit schwerem Gerät und flexten das Schild als Ganzes um, Schaden rund 600 Euro. Nichts scheint die Trophäenjäger von ihrem geliebten Asbach abhalten zu können. Inzwischen kauft die Gemeinde Petershausen Asbach-Schilder schon „im halben Dutzend“. Das entspricht ziemlich genau ihrem Jahresbedarf.
In einer Nacht verschwanden fünf von acht Ortsschildern
Asbach ist in der Region kein Einzelfall. Auch andere Orte werden regelmäßig und intensiv von Schilderdieben heimgesucht. In Gauting verschwanden vor fünf Jahren in einer einzigen Augustnacht fünf von acht Ortsschildern, in Münsing wurden ebenfalls mehrfach Ortsschilder gestohlen, eines sogar zweimal innerhalb von 24 Stunden. Flächendeckende Statistiken zu diesem Phänomen gibt es nicht. Sofern die Taten überhaupt angezeigt werden, werden sie von der Polizei allgemein als Diebstahl oder Sachbeschädigung verbucht.
Dabei gäbe es eine legale Alternative: Manche Ortsschilder kann man original für rund 50 Euro im Internet kaufen. Straßenmeistereien sortieren immer wieder gebrauchte Exemplare aus, meist nach zehn bis zwanzig Jahren. Aber ob sich für ein Schild, das so lange nicht gestohlen wurde, überhaupt jemand interessiert?

