Odelzhausen:Wiege Odelzhausen feiert 50-jähriges Bestehen

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Odelzhausen: Auch das Spiel mit Bauklötzen gehört dazu: Die Erzieherinnen der Wiege gehen auf ihre Schützlinge individuell ein.

Auch das Spiel mit Bauklötzen gehört dazu: Die Erzieherinnen der Wiege gehen auf ihre Schützlinge individuell ein.

(Foto: Toni Heigl)

Das heilpädagogische Heim für schwer behinderte Kinder bietet überlasteten Eltern Hilfe an. Und die Nachfrage wächst.

Von Sarah Stemmler, Odelzhausen

"Vertrauen ins Leben - Lebensqualität hat viele Gesichter". Unter diesem Motto feiert die Wiege in Odelzhausen ihr 50-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum richtet das heilpädagogische Heim für schwer behinderte Kinder im Laufe des Jahres verschiedene Veranstaltungen und Aktionen aus. Der Höhepunkt der Feierlichkeiten war der Festakt am vergangenen Samstag, der mit einem bunten Programm für Eltern, Kinder und Familien aufwartete. Neben den Festansprachen wurden auch Workshops und einige Fachvorträge geboten, die verschiedene Aspekte des Lebens mit Behinderung thematisierten.

Von 0 bis 20 Jahren

"Es war ein wunderschönes Fest", sagt Regina Burkhardt, Heilpädagogin und Erziehungsleiterin in der Wiege. Viele Besucher habe die Ansprache von Martin Binder besonders berührt. Der Vater eines Wiegekindes erzählte von seinen persönlichen Erfahrungen. Burkhardt weist darauf hin, dass es für Eltern nicht leicht sei, ihr Kind in ein Heim zu geben. Für viele breche dann ein zentraler Teil ihres Lebens weg. Doch ein schwer behindertes Kind daheim zu pflegen sei auch eine große Last. "Das bringt Familien an ihre Grenzen. Eltern sind oft körperlich und psychisch am Ende", sagt Burkhardt. Die Wiege bietet überlasteten Eltern Hilfe an.

Die 38 Kinder und Jugendlichen, die momentan in der Wiege leben, werden von einem 90-köpfigen Team rund um die Uhr individuell betreut. Die Einrichtung arbeitet eng mit den Familien zusammen, teilweise sind die Eltern täglich zu Besuch. Vom Säuglingsalter bis zum 20. Geburtstag finden Kinder in der Wiege ein Zuhause. Das war allerdings nicht immer so. Bis 1998 mussten die Bewohner mit 14 Jahren ausziehen. Ursprünglich galt das sogar für Kinder im Alter von acht Jahren. Doch in einem halben Jahrhundert Wiege hat sich viel verändert. Neue Therapieformen wurden entwickelt, die Pädagogik reformiert und auch die Einstellung der Gesellschaft zu Menschen mit Behinderungen hat sich verändert. Laut Burkhardt geht es heute viel mehr um Teilhabe und Selbstbestimmung. Seit 1976 gilt zum Beispiel die Schulpflicht auch für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Weil die Bewohner jetzt erst im Alter von 20 Jahren ausziehen müssen, können die Kinder bis zum Ende ihrer Schulzeit in der Einrichtung bleiben. Danach wird gemeinsam mit Eltern und Familien überlegt, wie es weitergehen soll und welche Anschlusseinrichtung geeignet ist.

Ganzheitlicher Ansatz

Dieser ganzheitliche Ansatz, bei dem alle Betroffenen miteinbezogen werden, kommt gut an. Die Plätze in der Wiege sind begehrt, zur Zeit gibt es eine Warteliste. Auch in den nächsten zehn Jahren werde die Einrichtung "gut besetzt" sein, so die Prognose von Regina Burkhardt. Allerdings zeichnet die Pädagogin die Zukunftsaussichten der Wiege nicht nur in Rosatönen. Ein großer Umbau stehe an, die Einrichtung müsse sich vergrößern, um neue Auflagen erfüllen und die Betriebserlaubnis behalten zu können. Auch das umstrittene Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderungen, dessen Entwurf im April vorgelegt wurde, mache der Wiege Sorgen. Burkhardt bezeichnet das Gesetz als "überhaupt nicht ausgegoren". Man könne noch nicht abschätzen, welche Folgen es für die Wiege haben werde. "Das bereitet schon Unbehagen."

Trotzdem sehe die Wiege insgesamt optimistisch nach vorn, "weil wir grundlegend positiv denken". Es habe in den vergangenen 50 Jahren immer Höhen und Tiefen gegeben, das sei normal. "Hauptsache, es ist viel Enthusiasmus da", sagt Leiterin Burkhardt. Denn die Bilanz des Wiege-Jubiläums ist eindeutig positiv: "Die Wiege wächst und wächst und wächst."

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