SZ-Serie: Waren Sie schon mal in …Gaggers, das Dorf am Ende des Regenbogens

Lesezeit: 4 Min.

Idylle im Grünen unter weiß-blauem Himmel: Im Dörfchen Gaggers, das zur Gemeinde Odelzhausen gehört, geht es beschaulich zu.
Idylle im Grünen unter weiß-blauem Himmel: Im Dörfchen Gaggers, das zur Gemeinde Odelzhausen gehört, geht es beschaulich zu.
Toni Heigl
  • Gaggers ist ein ruhiges Dorf mit nur 20 Häusern bei Odelzhausen im Landkreis Dachau, wo selten etwas passiert.
  • 1751 fand ein Hirtenpaar hier den größten Goldschatzfund Bayerns mit 1366 keltischen Goldmünzen aus der Zeit vor 2000 Jahren.
  • Kurfürst Max III. Joseph ließ die Goldmünzen für seine Kriegskasse einschmelzen, nur elf Stück sind heute noch erhalten.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Im kleinen Dorf Gaggers bei Odelzhausen im Landkreis Dachau geht es sehr ruhig zu. Außer, der Bus bleibt in der Wiese stecken – oder jemand findet einen riesigen Goldschatz.

Von Gregor Schiegl, Odelzhausen

SZ bei Google bevorzugen

Rotzig, schnell, roh, so muss Punk klingen. Und so klingt sie auch, die britische Band Gaggers. Der gleichnamige Ort bei Odelzhausen ist davon weit entfernt, vom Punk wie von der Millionenmetropole London. Gerade mal 20 Häuser gibt es in dem Dorf bei Odelzhausen und eine Bushaltestelle. Am Wegesrand wirbt eine Therapeutin für den Besuch ihrer Klangschalen-Praxis. Selten fährt mal ein Auto durch den Ort. Nur die Spatzen tschilpen in den Gärten. Gepflegte Wohnidylle auf dem Lande, Einfamilienhäuser und in der Mitte ein alter Bauernhof.

Große Sehenswürdigkeiten hat Gaggers nicht. Am Ortsausgang Richtung Sittenbach steht ein Kapellchen von 1857, kaum größer als eine Besenkammer. Die mächtige Krone der 200 Jahre alten Linde, die es überwölbt, lässt es noch winziger erscheinen. Am anderen Ende des Ortes, zwei Straßen weiter, genießt Hubert Gronegger das Wochenende mit den Enkeln im Garten. „Mir ist es fast ein bisschen zu ruhig“, sagt der 63-Jährige, braungebrannt, in Badehose. „Hier passiert nicht viel.“ Früher gab es hier mehr Landwirtschaft, mehr Gewerbe. Dafür hat Gaggers inzwischen wieder mehr Kinder.

Die Groneggers leben hier schon in vierter oder sogar fünfter Generation. Nebenan hat Schwiegersohn Robert Mederer ein Haus gebaut. Die Asphaltdecke des Wiesenwegs endet kurz hinter seinem Grundstück. Der junge Familienvater erzählt, dass die Müllabfuhr schon einige Male versucht habe, die Abkürzung über den unbefestigten Weg zu nehmen und dann steckengeblieben sei, sogar ein Linienbus sei hier schon mal gestrandet. Wie er es durch die enge Kurve geschafft hat, ist ihm bis heute ein Rätsel. Mit dem Traktor mussten die havarierten Fahrzeuge wieder freigeschleppt werden. „Das sind so die kleinen Highlights bei uns“, sagt Mederer und lacht.

Vor langer Zeit gab es hier auch mal eine kleine Brauerei. Die ist allerdings abgebrannt. Katastrophen gibt es auch in kleinen Orten. Und blutige Zwischenfälle. Die Belegschaft des letzten Hühnerstalls hat vor mehr als zehn Jahren der Fuchs geholt. Der Bauer hat sich keine neuen mehr angeschafft. Seitdem hat es sich in Gaggers ausgegackert. Hubert Gronegger lacht. Auf die Idee, dass Gaggers etwas mit Geflügelhaltung zu tun haben könnte, ist er noch nicht gekommen. Die Einheimischen nennen ihren Ort nämlich gar nicht Gaggers, sondern „Goggersch“ und sich selbst „Goggerschter“.

Seit fünf Generationen in Gaggers daheim: Familie Gronegger mit Hubert und Claudia Gronegger, Stefanie und Robert Mederer und deren Tochter (von links).
Seit fünf Generationen in Gaggers daheim: Familie Gronegger mit Hubert und Claudia Gronegger, Stefanie und Robert Mederer und deren Tochter (von links).
Toni Heigl
Die Marienkapelle stammt aus dem Jahr 1857, ist aber kaum größer als eine Besenkammer.
Die Marienkapelle stammt aus dem Jahr 1857, ist aber kaum größer als eine Besenkammer.
Toni Heigl

In der Forschung gibt es zwei Erklärungsansätze, woher der Ort seinen eigentümlichen Namen hat. Gaggers bezeichnet ein Waldstück für die Schweinemast, das ist die eine Theorie. Die gängigere leitet Gaggers von „Gah-gras“ ab, einem steilen Grashang. Das klingt durchaus plausibel. Gaggers ist mit 523 Metern die höchstgelegene Ortschaft der Gemeinde Odelzhausen. Die Landschaft ist hügelig und grün, bei Föhn reicht der Blick bis zur Zugspitze. Eingerahmt wird der Ort von Äckern und Wäldern.

Ein Dorf im Golfrausch

In eines dieser Gehölze, rund einen Kilometer vom Ort entfernt, trieben Franz und Anna Sondermayr im Jahr 1751 ihr Vieh – und machten eine sensationelle Entdeckung. Im Boden fand das Hirtenpaar konkav geformte Goldmünzen. Als sie in der Erde gruben, fanden sie immer mehr davon. Nach dem Volksglauben handelt es sich um „Regenbogenschüsselchen“:  Dort, wo der Regenbogen die Erde berührt, hinterlässt er Gold und beschert den Findern Glück. Das konnten die Sondermayrs gut gebrauchen; in ihrer Hütte warteten vier hungrige Kinder, das fünfte war schon unterwegs.

Natürlich waren die Münzen nicht göttlichen Ursprungs, sondern von Menschenhand geschaffen. Vergraben hat den Schatz vermutlich vor mehr als 2000 Jahren der keltische Stamm der Vindeliker. Dachaus Stadtarchivar Andreas Bräunling kennt sich bestens aus mit den Kelten im Landkreis Dachau – und mit dem Schatz von Gaggers: „Es ist bis heute der größte Goldschatzfund in Bayern.“ 1366 goldene Regenbogenschüsselchen, jede von ihnen 7,6 Gramm schwer.

Die „Regenbogenschüsselchen“ sind konkave Goldmünzen. Die Prägung mit dem Hirschkopf (Bildmitte) wurde laut Kelten-Experte Andreas Bräunling bis dato erst zweimal weltweit gefunden: in der Schweiz und bei Gaggers.
Die „Regenbogenschüsselchen“ sind konkave Goldmünzen. Die Prägung mit dem Hirschkopf (Bildmitte) wurde laut Kelten-Experte Andreas Bräunling bis dato erst zweimal weltweit gefunden: in der Schweiz und bei Gaggers.
Hutter-Museum Großberghofen

Die einen sagen, die Münzen wurden vergraben, um sie vor den anrückenden Kimbern und Teutonen in Sicherheit zu bringen, die anderen, dass es sich auch um einen Weihefund handele, sozusagen ein Geldopfer. Andreas Bräunling sagt: „Das sind alles Spekulationen.“ Die Kelten haben keine eigenen schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, das Wissen über sie ist äußerst lückenhaft. Es sei nicht mal klar, welchem Zweck die Goldmünzen dienten, ob es sich überhaupt um ein Zahlungsmittel handelte, sagt Bräunling. Auch was die eingeprägten Symbole bedeuten, sei „reine Interpretation“.

Auch der Heilige Laurentius im Deckenfresko der Kirche von Sittenbach war Hüter eines Schatzes.
Auch der Heilige Laurentius im Deckenfresko der Kirche von Sittenbach war Hüter eines Schatzes.
Toni Heigl
Eine Gedenktafel am Sittenbacher Friedhof erinnert an Pfarrer Anton Rottmanner als „ausgezeichneten Restaurator“.
Eine Gedenktafel am Sittenbacher Friedhof erinnert an Pfarrer Anton Rottmanner als „ausgezeichneten Restaurator“.
Toni Heigl

Als sich der Fund der Sondermayrs herumsprach, herrschte in dem oberbayerischen Dorf bald ein Goldrausch wie im Wilden Westen. Bis zu 200 Schatzsucher durchwühlten den Boden. Als besonders eifrig beschreiben historische Quellen den Pfarrer aus dem Nachbarort Sittenbach, Anton Rottmanner: Er soll sogar Gesinde und Gemeinde eingesetzt haben, das Gold zu bergen und ihm abzuliefern. In Odelzhausen verhörte eine staatliche Kommission 14 Tage lang Kleinbauern, Mägde und Tagelöhner. Trotz der Androhung empfindlicher Strafen bewahrten sie Stillschweigen.

In dem von Friedrich Hektor Hundt 1854 herausgegebenen Buch „Alterthümer des Glonngebiets“ heißt es: „Das damalige Inquisitions-Verfahren war überhaupt kein mildes. Die Wahrheit wurde nicht nur durch Haussuchungen erforscht, sondern auch durch Haft und Schläge aus den Verdächtigen erpreßt.“ Schließlich rückte Rottmanner 589 Goldstücke heraus. Doch zufrieden war die Kommission damit nicht. „Ihr war von Häfen, von Mehlsäcken, von Truhen voll Goldes erzählt worden. Aber auch die eifrigste Durchsuchung des Pfarrhofes mit Verletzung der geistlichen Immunität ergab keine Spuren.“

Ein Fresko mit Sonnenuhr huldigt an einer Hauswand dem landwirtschaftlichen Leben.
Ein Fresko mit Sonnenuhr huldigt an einer Hauswand dem landwirtschaftlichen Leben.
Toni Heigl

Dass der Goldschatz von Manching heute weitaus bekannter ist als der in Gaggers, hat wohl auch damit zu tun, dass von letzterem heute so gut wie nichts mehr übrig ist. Kurfürst Max III. Joseph ließ die Golddukaten einschmelzen, um seine Kriegskasse gegen Preußen zu füllen; der Siebenjährige Krieg fraß die bayerischen Ressourcen. Erhalten sind von dem legendären Schatz nur noch elf Münzen. Die Originale liegen in der Bayerischen Münzsammlung. Repliken kann man in der archäologischen Abteilung des Hutter-Museums in Großberghofen sehen, unweit des Fundorts.

Am Ortsrand des Dorfs  mit 125 Einwohnern sind die Insignien der Gegenwart unübersehbar - nicht nur in der Architektur samt Einfriedung, sondern auch in Form des Windrads, das in der Ferne alles Grün überragt.
Am Ortsrand des Dorfs  mit 125 Einwohnern sind die Insignien der Gegenwart unübersehbar - nicht nur in der Architektur samt Einfriedung, sondern auch in Form des Windrads, das in der Ferne alles Grün überragt.
Toni Heigl

Vielleicht ist ein bisschen etwas von dem Glanz des Keltenschatzes doch in der Gegend geblieben. Nach seiner Freilassung ließ Pfarrer Rottmanner das Pfarrhaus renovieren und stattete die Dorfkirche von Sittenbach mit einer prächtigen Rokoko-Decke aus. Das Deckengewölbe bemalte Johann Georg Dieffenbrunner aus Augsburg mit einer Szene des Heiligen Laurentius: Der römische Diakon starb als Märtyrer, weil er den ihm anvertrauten Kirchenschatz nicht dem Kaiser übergeben wollte.

Wurde ein Teil des Keltengolds hier verbaut? So oder so, die Baukosten hatte der Geistliche offenbar stark unterschätzt. Er starb mit 59 Jahren hoch verschuldet. Eine Steintafel an der Kirche von Sittenbach erinnert noch heute an ihn. Die Spur des Hirtenpaars Sondermayr verliert sich im Dunkel der Geschichte. Ihre Namen sind im Kirchenbuch der Pfarrei Sittenbach verzeichnet, nicht aber ihr Tod. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

SZ-Grafik

Ausflugstipps:

In und um Gaggers gibt es zahlreiche Rad- und Wanderwege. Ganz in der Nähe führt auch der Räuber-Kneißl-Radweg vorbei, der an Schauplätze des legendären bayerischen Räubers erinnert. Eine Einkehr lohnt sich im Nachbarort Unterweikertshofen, dem Geburtsort des Matthias Kneißl. Dort bietet das „Schuihaus“ Schmankerl der bayerischen Küche; ausgeschenkt werden auch regionale Biersorten. Dienstag und Mittwoch ist Ruhetag.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ-Serie: Waren Sie schon mal in ...
:Nassenhausen, wo die Maisach plätschert

Der Ortsteil von Adelshofen trägt die feuchte Frische seines Flüsschens im Namen. Einst wurde auf den sumpfigen Wiesen beim Dorf Seegras gewonnen, zu Zöpfen geflochten und verkauft.

Von Manfred Amann

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: