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NS-Geschichte:Zeichentrick als Propaganda

In der Moosschwaige unterhielten die Nazis eine Filmfabrik. Der Autor Rolf Giesen hat deren Geschichte aufgeschrieben

Der Autor Rolf Giesen hat ein neues Buch mit dem Titel "Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau" über das geplante Zeichentrickimperium des NS-Kinos geschrieben. Dieses beginnt er mit Robert Bernard Sherman, dem ersten US-Soldaten, der das KZ Dachau als Befreier betrat. Was Sherman, der später mit Songs für die Disney-Filme "Mary Poppins" (1964) und "Das Dschungelbuch" (1967) berühmt wurde, bei der Befreiung des Konzentrationslagers nicht wusste: Unmittelbar neben dem KZ unterhielt die Deutsche Zeichenfilm GmbH eine Außenstelle im ehemaligen Künstlererholungsheim Moosschwaige.

Wie auf drei im Buch wiedergegebenen Fotos zu sehen ist, ging es der Belegschaft hier relativ gut. Von den Geschehnissen im KZ nebenan wollte sie nichts mitbekommen haben. Giesen lässt das nicht unkommentiert stehen. Er will den Mitläufern und Opportunisten von damals kein weiteres Entschuldigungsschreiben ausstellen. Der Autor lässt keinerlei Zweifel, dass es ihm nicht nur um ästhetische Belange, sondern stets auch um politische - und moralisch-ethische - Einordnungen der Geschehnisse geht. Nichts, was im "Dritten Reich" in puncto Film geschah, war unpolitisch; noch das netteste Rühmann-Lustspiel oder die bunteste Rökk-Revue besaß ihre Funktion im Propaganda-System.

Auch der Zeichentrickfilm sollte die vermeintliche Überlegenheit beweisen; auch am deutschen Trickfilmwesen sollte die Welt genesen. So sollte die Deutsche Zeichenfilm GmbH, deren kurze Geschichte prägnant und mit vielen Auszügen aus Dokumenten, Briefen und Interviews nacherzählt wird, ein Gegenpol zum Disney-Imperium werden.

Nach "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1937), einem von Hitlers Lieblingsfilmen, der in Deutschland nie offiziell zu sehen war, wollten die NS-Filmverantwortlichen kein weiteres deutsches Märchen den US-Animatoren überlassen. Nach "Gullivers Reisen" (1939) notierte Goebbels in sein Tagebuch: "Sehr gut, sehr witzig, sehr gekonnt. Ich muss das auch bei uns erreichen." Am 7. August 1941 wurde deshalb die Deutsche Zeichenfilm GmbH gegründet, großzügig alimentiert, mit Karl Neumann, dem ehemaligen Fleischwarenfabrikanten und glühenden Nazi als Chef. Der schlug vor, in den kommenden vier bis fünf Jahren rund 500 Zeichnerinnen und Zeichner einzustellen und von Anfang an Räume für alle einzuplanen.

Rolf Giesen rekonstruiert, welche Stoffe vorgeschlagen und entwickelt - und welche Filme dann tatsächlich gedreht wurden. Unter anderem wurde Thea von Harbou gebeten, ein Drehbuch nach Waldemar Bonsels Kunstmärchen "Biene Maja" zu schreiben. Bonsels selbst lieferte dafür "grundsätzliche Vorschläge", in denen er dem Bienenstaat "Arbeitsamkeit, Wohlstand und staatliche und soziale Pflichterfüllung" zubilligt, der feindlichen Hornissenburg dagegen eine vollkommene Düsternis bescheinigt: "festungsartig, wild, mit finsteren Verliesen, unheimlichen Höhlen, Kerkern und Käfigen (...), der ganze Eindruck ist der eines wilden, vom Raub lebenden Banditenstammes".

Rolf Giesen kommentiert, dies hätte durchaus propagandistische Parallelen zum Krieg gegen die Sowjetunion und dem von den Nazis sogenannten Untermenschentum ermöglicht. Allerdings hätte "die Grausamkeit die von der Zeichentrick GmbH angestrebte Wald-und-Wiesen-Romantik zunichte gemacht". Als erster Film entstand "Armer Hansi" (1943), verfasst unter anderem von Libertas Schulze-Boysen, die im Dezember 1942 als Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kapelle hingerichtet wurde. Zur selben Zeit ließen es sich viele andere bei der Deutschen Zeichenfilm gut gehen, nicht zuletzt weil sie durch ihre Beschäftigung bei der Prestigefirma nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurden.

Rolf Giesen, der im Anhang des Buches auch zehn Biografien zusammengefasst hat, skizziert ihr Woher und ihr Wohin, ihre Einlassungen aufs Nazi-Reich und natürlich auch ihre künstlerischen Leistungen. Besonders kritisch geht er mit Gerhard Fieber um, dem Chefzeichner der Projekte "Armer Hansi" und "Purzelbaum ins Leben". Giesen bescheinigt Fieber, gestützt auf die Aussagen mehrerer Zeitzeugen, dass er ein Intrigant mit gelegentlichen antisemitischen Entgleisungen gewesen sei und einer, der stets wusste, wie er sich neuen Herren andienen konnte.

Sein letztes, bei der Deutschen Zeichenfilm entwickeltes und am Kriegsende noch unfertiges Projekt "Purzelbaum ins Leben" nahm er 1946 zur neu gegründeten Defa mit, nunmehr unter dem Titel "Schnuff, der Nieser" - der einzige sogenannte Überläufer auf dem Gebiet des Animationsfilms. Auch in der neuen Defa-Wochenschau "Der Augenzeuge" war er mit dem Sujet "Der U-Bahnschreck" (1946) vertreten. Wenig später und aus Sorge vor einer möglichen Bestrafung für seine NS-Beziehungen durch die Sowjets setzte er sich in die Westzonen ab, realisierte den ersten abendfüllenden deutschen Animationsfilm "Tobias Knopp - Abenteuer eines Junggesellen" (1948-50) und dann die "Mainzelmännchen" fürs ZDF.

Nur ein Beispiel für viele interessante Kurzporträts und Beobachtungen. "Bienenstich und Hakenkreuz" ist spannend zu lesen, engagiert und erhellend. Ein echtes Kleinod der Filmforschung.

© SZ vom 03.07.2020 / kna

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