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Sozialarbeit an Schulen:Die Jugend im Fokus

Zweckverband Jugendarbeit

Mit der Situation an den Schulen kennt Alexander Krigkos sich aus. Jetzt kümmert er sich zudem federführend um den neuen Verein.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Jugendarbeit kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Ein neu gegründeter Verein kümmert sich nun darum, Fördermittel zu beantragen. Sein Ziel ist es, mehr Sozialarbeiter an die Schulen der Mitgliedsgemeinden zu bringen.

Von Jacqueline Lang, Haimhausen

Schon seit vielen Jahren ist der Zweckverband Jugendhilfe auf den Gebieten der offenen Kinder- und Jugendarbeit sowie der Jugendsozialarbeit tätig. Bislang fehlte dem freien Träger jedoch oft die Möglichkeit, die oftmals so dringend benötigten Fördermittel zu beantragen. Denn Jugendarbeit kostet nicht nur Zeit und Ressourcen, sondern auch Geld. Zu diesem Zweck wurde nun Anfang Februar ein Verein gegründet, der genau diese Arbeit noch stärker in den Fokus rücken will. Er heißt deshalb auch genau so: Fokus Jugend e.V. Zuständig ist der Verein landkreisübergreifend neben dem Landkreis Dachau auch für zwei Gemeinden in Pfaffenhofen und Freising. Im Landkreis gehören die Gemeinden Haimhausen, Petershausen, Vierkirchen, Röhrmoos, Hebertshausen, Markt Indersdorf und Hilgertshausen-Tandern dem Zweckverband an.

Angefangen hat 2004 alles mit vier Mitarbeitern und den Gemeinden Petershausen und Haimhausen, mittlerweile beschäftigt der Verband knapp 100 Mitarbeiter, ist für insgesamt neun Gemeinden zuständig und hat immer mehr Arbeit im Bereich der Jugendhilfe übernommen. Auch deshalb sei es wichtig gewesen, die Aufgabengebiete klarer zu definieren, sagt Alexander Krigkos.

Der Sozialpädagoge, der als Bereichsleiter Schule schon seit vielen Jahren für den Zweckverband tätig ist, kümmert sich nun federführend um den neu gegründeten Verein. Ziel ist es langfristig, mehr sogenannte JaSler, kurz für Jugendsozialarbeit an Schulen, anzustellen und vor allem mit höherer Stundenzahl: In Hilgertshausen-Tandern, Vierkirchen und Röhrmoos sind die Mitarbeiter gerade einmal fünf Stunden pro Woche vor Ort, in Markt Indersdorf und Hebertshausen sind es ebenfalls lediglich zwölf beziehungsweise 15 Stunden pro Woche. Allein in Altomünster, Petershausen und Haimhausen gelingt es mit 23, 30 und 39 Stunden pro Woche wirklich fast immer da zu sein für die Kinder und ihre Probleme. Denn damit die Kinder und Jugendlichen Vertrauen zu den Sozialpädagogen fassen, müssen diese vor allem eines sein: da.

Wenn diese aber, wie jetzt, nur ein oder zwei Mal die Woche vor Ort seien, dann kämen nur diejenigen zu ihnen, bei denen schon wirklich Gefahr drohe. "Da muss dann schon die Hütte brennen", sagt Krigkos. Im Idealfall solle es durch die Hilfe der Jugendsozialarbeiter aber gar nicht erst zum Äußersten kommen. Wenn nicht mehr allein die Gemeinden Geld dafür bereit stellen müssten, sondern nun auch Fördertöpfe ausgeschöpft werden könnten, werde man verstärkt Präsenz zeigen können. Einige weitere JaS-Anträge seien bereits in der Pipeline, so Krigkos.

Der Bedarf für Ansprechpartner an den Schulen, ist nicht erst seit Beginn der Pandemie gestiegen, sondern schon seit der Gründung des Zweckverbandes kontinuierlich. Was er aber im vergangenen Jahr festgestellt habe, so Krigkos, sei, dass "die Intensität der Fälle zugenommen hat". Die geltenden Corona-Maßnahmen findet der Sozialpädagoge deshalb an vielen Stellen "nicht zu Ende gedacht". Denn neben den vielen technischen Problemen und den fehlenden Ressourcen, mit denen die Schüler im Home-Schooling konfrontiert seien, fehle es ihnen zuhause oftmals auch an der nötigen Betreuung. Denn Schulen seien letztlich genau das: Betreuungseinrichtungen. "Viele Eltern bekommen ein Problem, wenn das wegfällt." Durch die Doppelt- und Dreifachbelastung nähmen dann auch die Probleme mit den Kindern zu. Auch deshalb habe man für die Kinder auch über Weihnachten ein Notfalltelefon eingerichtet, das mehrfach benutzt worden sei.

Was aber tun, wenn die Kinder nicht anrufen und sich nicht von sich aus Hilfe suchen? Zum Glück gebe es viele Lehrer, die vor allem den Kindern, auf die man ein besonderes Auge habe sollte, den Besuch der Notbetreuung, die ja nach wie vor an allen Schulen stattfindet, empfehlen würden. Dort seien dann auch die JaSler vor Ort. Allerdings sei es gerade im zwischenzeitlichen Wechselunterricht schwer gewesen, Zeit für Gespräche zu finden, weil in der kurzen Zeit in den Schulen kaum Zeit für alles Zwischenmenschliche geblieben sei, sagt Krigkos.

Bislang wird der Bedarf für eine JaS-Stelle mithilfe der Sozialraumanalyse ermittelt. Aus Sicht des Zweckverbands Jugendarbeit ein Fehler, weil diese viel zu ungenau sei. Zudem werde immer wieder argumentiert, dass mit einer geschaffenen Stelle - die immer mindestens eine Halbtagsstelle umfassen müssen - plötzlich auch der Bedarf für eine solche steige. Das liegt laut Krigkos aber schlicht daran, dass es eine hohe Dunkelziffer hilfsbedürftiger Kinder gibt - durch eine Vertrauensperson werde diese Ziffer immerhin ein wenig kleiner. Er hofft daher, dass die Stellen perspektivisch von der Sozialraumanalyse entkoppelt werden.

Der Verein Fokus Jugend, dessen Vorsitzender Altomünsters Bürgermeister Michael Reiter ist, kümmert sich aber nicht nur an den Schulen um die Kinder. In Zukunft sollen verstärkt auch Projekte im Bereich der politischen Bildung umgesetzt werden. Vor der Vereinsgründung habe man schon Fahrten nach Berlin oder Oświęcim in Kooperation mit dem Zack-Büro für Kommunale Jugendarbeit organisiert, nun wolle man auch mal "Dinge in Eigenregie machen", so Krigkos.

Darüber hinaus sei auch noch ein Projekt in Planung, das sich schwerpunktmäßig an benachteiligte oder gar obdachlose Kinder richten solle. Allerdings, und das betont Krigkos, der auch als Kinderschutzbeauftragter im Einsatz ist: "Der Druck auf die Familien und damit auch die Kinder steigt über alle Schichten hinweg." Das gelte im übrigen auch für alle Schulformen. Krigkos kritisiert deshalb, dass es keine grundsätzliche Förderung für JaS-Stellen gibt. So sei etwa an den Grundschulen nach wie vor Voraussetzung für eine Förderung ein Migrationsanteil von 20 Prozent. "Das ist eine problematische Denkweise, die an der Realität vorbei geht."

Habe er vor zehn Jahren auch noch einzelne Landkreisgemeinden herausgreifen können, wo er einen besonderen Bedarf gesehen habe, so bestehe dieser jetzt allerorts. Auch gebe es kein Stadt-Land-Gefälle mehr: Jene, denen die Mieten in den Städten zu hoch geworden seien, seien längst in den ländlicheren Gemeinden wohnhaft. Ihre Probleme hätten sie aber mitgenommen. Auch würden Kinder viel früher auffällig. Schon bei Grundschülern erlebe er etwa heutzutage immer häufiger selbstverletzendes Verhalten. "Da muss man hinschauen", sagt Krigkos. Genau das will der neu gegründete Verein nun verstärkt tun.

© SZ vom 19.02.2021/kafe
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