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Neues Projekt in Markt Indersdorf:Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Benjamin Meyer (rechts) und Kilian Bachmann sind seit Mai die Pächter des Areals.

(Foto: Toni Heigl)

Benjamin Meyer und Kilian Bachmann haben sich mit der Pacht der 13 000 Quadratmeter großen Fläche einen Traum erfüllt. Auf dem Gelände des Alpaco-Park wollen sie im Einklang mit der Natur Raum für Kunst und Kultur schaffen

Das ohrenbetäubende Froschkonzert, an dem wohl auch einige Unken und Kröten teilnehmen, beginnt um kurz nach 16 Uhr. Die beiden Erpel Jaques und Pierre-Hugo liegen in der Sonne in vorderster Reihe. Weiter hinten springen einige Rehe fröhlich durchs Bild. Der Hund und Ehrengast Captain Cirk strawanzt Backstage mit mehreren Zweibeinern umher. Die Wilde Rostgans brütet abseits der Tribünen im Heu und der Fuchs verschanzt sich irgendwo im Wald. Es ist eine Szenerie, die man auch in einem Kinderbuch nicht schöner malen könnte, doch hier ist sie echt: Willkommen im neuen Alpaco-Park.

Die Reise zu dem malerischen Gelände führt über einen Feldweg, der Markt Indersdorf in Richtung Westen verlässt. Nach etwa 600 Metern schweift der Blick auf einer Anhöhe nach links. Schon aus der Ferne sieht man Rehe beim Grasen. Ein Abhang zieht sich gemächlich ins Tal, in dem ein Weiher grün schimmert. Es kommen Kastanienbäume, ein Taubenschlag, Vogelhäuser, Hochbeete, zwei Fresskrippen und eine Holzhütte zum Vorschein, in der Werkzeuge und ein Bierkasten lagern. Strom, fließendes Wasser oder die gewöhnlichen Örtchen zum Austreten findet man hier nicht. Stattdessen gibt es allerlei Tiere, Komposttoiletten, reichlich hübsche Natur und regelmäßig auch ohrenbetäubende Konzerte.

Auf dem Weiher könnten bald selbstgebaute Holzboote schippern.

(Foto: Toni Heigl)

Der Name Alpaco-Park ist eine Erfindung von Benjamin Meyer und Kilian Bachmann, den brandneuen Pächtern des Areals. Meyer, 25, aus Vierkirchen, dürfte einigen Landkreisbewohnern schon bekannt sein. Er ist Sänger und Gitarrist der Dachauer Band Kandinsky, die, so versichert er, mit dem neuen Projekt jedoch nichts zu tun hat. Bachmann, 27, aus Dachau, kennen wiederum manche, weil er an der Weihlachmühle bei Altomünster Führungen mit Alpakas anbietet. Die beiden Freunde haben sich mit dem naturbelassenen Grundstück einen jahrelangen Traum erfüllt. Sie wollen einen Ort schaffen, der im krassen Gegensatz zu der schnelllebigen Konsumwelt steht. Im Einklang mit der Natur sollen Dinge entstehen und mit eigenen Händen geschaffen werden. "Wir wollen einen ökologischen Kreislauf schaffen und erklären, wie er funktioniert", sagt Bachmann.

Ihr Projekt trifft einen Zeitgeist. Gerade junge Menschen sehnen sich immer häufiger nach Entschleunigung und suchen Kraft und Inspiration in der Natur. Die Wartelisten für frei werdende Schrebergärten sind vielerorts hoffnungsvoll überfüllt. Waldkindergärten sind auf dem Vormarsch. Digital Natives stellen den Sinn ihrer auf Gewinnoptimierung ausgelegten Berufe in Frage. Was viele der Frischluftprojekte dabei unter anderem verbindet, ist ein neuer Gemeinschaftssinn. Man möchte Dinge teilen und gemeinsam bewirken, ohne der Natur zur Last zu fallen. Im Zentrum steht der Wunsch nach mehr Lebensqualität und Selbstverwirklichung. Auch Meyer und Bachmann wollen nicht so enden, wie einer ihrer Freunde, der trotz seiner Leidenschaft für das Schreinern in einem IT-Job gelandet ist. "Wir wollen einen Ort schaffen, an dem die Leute den Mut finden, etwas Neues auszuprobieren", sagt Meyer.

In der Holzhütte befindet sich das nötige Werkzeug.

(Foto: Toni Heigl)

Der Name des Alpaco-Parks, da machen sich die Freunde keine Illusionen, wirkt noch etwas irreführend: Weit und breit sind keine Alpakas zu sehen. Das aber soll sich im kommenden Frühjahr ändern. Mindestens zehn der exotischen Andenbewohner, die hierzulande immer beliebter werden, wollen die jungen Männer nach Markt Indersdorf holen. Menschen, die eine Patenschaft übernehmen wollen, seien herzlich willkommen. Alpakas wird gemeinhin eine beruhigende, ja therapeutische Wirkung nachgesagt. Fachmann Kilian Bachmann sagt es so: "Sie sind krass beruhigend, flauschig, süß und auch lustig."

Wenn es so weit ist, will Bachmann seine Führungen und Spaziergänge mit den Tieren auch vom Alpaco-Park aus anbieten, um das Projekt so ein Stück weit zu finanzieren - denn kostenlos ist die Schönheit hier draußen nicht. Mit dem Eigentümer gab es monatelange, harte Verhandlungen. Den Kaufpreis für das Grundstück, das sie im Internet gefunden hatten, konnten sie nie und nimmer bezahlen. Der Eigentümer jedoch ließ sich von ihrem Konzept überzeugen. Gegen eine monatliche Pacht, die nicht höher als die Miete für ein WG-Zimmer in Dachau ist, steht ihnen die 13 000 Quadratmeter große Nutzfläche seit Anfang Mai zur freien Verfügung. Es war ein Glücksgriff. "Wir waren sofort verliebt und wussten: Das muss es werden", sagt Meyer.

Die Erpel Jaques und Pierre-Hugo haben sich ihre Plätze auf dem Gelände des Alpaco-Parks schon gesichert.

(Foto: Toni Heigl)

Die Arbeiten laufen seitdem auf Hochtouren. In Arbeitsschuhen und Holzfällerhemd führt Meyer zu ihrem ersten Vorzeigeprojekt: einem eigens gezimmerten Entenstall, der dem Fuchs einen Strich durch die Rechnung machen soll. Eines der Grundprinzipien des Parks, nämlich Neues aus Altem zu machen, haben sie hier beherzigt. Um Holz für den Stall zu bekommen, sind die Männer nach Allach gefahren und haben eine Gartenhütte abgerissen, die es im Internet zu verschenken gab. Abriss und Neubau dokumentierten sie in ihrem Video-Logbuch, das wöchentlich auf Youtube erscheint. Die kurzen Filmchen sind mal mit Musik, mal mit lockeren Sprüchen garniert. So können Interessierte Schritt für Schritt verfolgen, was in dem Park passiert und entsteht.

Die Pläne sind vielfältig. Dass das so ist, hat mit der Philosophie der Gründer zu tun: Menschen, die etwas erschaffen können, sollen andere an ihrem Wissen teilhaben lassen. Um etwa Bienenvölker in dem Park anzusiedeln, soll ein Imker helfen und alles rund um die Insekten erklären. Für den 30 mal 60 Meter großen Weiher könnten Holzboote angefertigt werden, wozu ein Bootsbauer einen Workshop geben soll. Denkbar sind auch Kurse im Schreinern und im Mähen mit Sense. Bachmann möchte alles über Alpakas erklären. Geplant ist zudem ein 500 Quadratmeter großer Garten mit Hochbeeten, in denen heimisches Obst und Gemüse gedeihen soll.

Die Lehrpfade, die im Park entstehen, sollen später auch Schulklassen aus der Region beim Lernen zugute kommen. Tierkunde, Werkunterricht und Pflanzenkunde könnten hier praktisch vermittelt und unterrichtet werden, so schwebt es den Jungs vor. Der Bürgermeister der Gemeinde Markt Indersdorf, Franz Obesser, soll sich bereits gesprächsbereit gezeigt haben. Die Reaktionen auf ihr Projekt seien bislang durchweg positiv.

"Wir wollen eine so große Vielfalt wie möglich", sagt Bachmann und verspricht, alles behutsam anzugehen. Mit einem Festival, auf dem etwa Kandinsky spielt, sei vorerst jedenfalls nicht zu rechnen, sagen sie. Dennoch soll ihr neuer Park auch ein Ort für "Kunst und Kultur" sein. Kunstschaffende könnten ihrer Vorstellung nach Freiluftateliers einrichten oder andere Kunstprojekte realisieren. Die Treffen zu vorgegebenen Zeiten, so sagen sie, seien für alle, die Lust haben, etwas zu bewirken, egal welchen Alters oder welcher Religion. Ein Freibad für alle soll der Park zwar nicht werden, angedacht ist aber auch ein Hängemattenlager, in dem man entspannen kann. Die Plätze dort dürften begehrt sein. Nur die Erpel Jaques und Pierre-Hugo haben wohl ein noch schöneres Plätzchen.

© SZ vom 22.05.2020

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