Neue Pächter:Ein Wirtshaus für jedermann

Die langjährigen Betreiber des "Feldmochinger Hofs" haben das "Hotel Fischer" am Dachauer Bahnhof übernommen und modernisiert. Der urige Charme das traditionsreichen Hauses wurde dabei bewahrt

Von Julia Putzger, Dachau

Hotel Fischer

An die eigenwillige orangefarbene Fassadengestaltung mussten sich die Rettingers bei ihrem neuen Objekt erst einmal gewöhnen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Während in manchen Urlaubsregionen die Hotels heuer gar nicht erst öffnen, weil die Corona-Auflagen zu kompliziert sind und der erwartete Umsatz zu gering, kommt in Dachau neuer Schwung ins Hotelleriegewerbe. Länger als ein Jahr stand es leer, das knallorangefarbene Hotel Fischer in der Bahnhofsstraße, doch nun tut sich einiges. Anfang der Woche wuselten noch die Handwerker durch die Gänge, die ersten Getränkelieferungen wurden eingekühlt, und in den Zimmern war das Bettzeug noch in Plastik verpackt. Doch schon am Montag, 24. August, erwartet Familie Rettinger ihre ersten Gäste im neuen Hotel und Tafernwirtschaft "Zum Fischer".

Sandra und Ludwig Rettinger sind keine Neulinge im Geschäft: 16 Jahre lang führte das Ehepaar schon den Feldmochinger Hof in München. Aber weil der dortige Verpächter während des Lockdowns zu keinem Gespräch über die finanzielle Lage bereit gewesen sei, seien sie ins Grübeln gekommen und hätten sich mal umgehört. "Mein Vater hat dann erfahren, dass der Fischer in Dachau leer steht, und da sind wir einfach mal rausgefahren, um uns das anzuschauen", erzählt Sandra Rettinger. "Das Orange der Fassade hat mich zuerst ein wenig geschockt", gibt sie schmunzelnd zu. Doch die beiden Gastwirte sind sich einig: Das Bauchgefühl habe von Anfang an gestimmt. Noch am selben Tag seien sie mit der Verpächterin ins Gespräch gekommen und bald stand fest: Familie Rettinger übernimmt das Hotel Fischer in Dachau.

Zur Familie gehören allerdings nicht nur der elfjährige Alexander, der achtjährige Ludwig und die fünfjährige Magdalena, sondern auch Sandra Rettingers Schwester Susanne Huber, die sich um den Hotelbetrieb kümmern wird, sowie ihre Eltern, die in ihrer Rente als "Mädchen für alles" einspringen werden. Ludwig Rettinger kümmert sich als Küchenchef um das leibliche Wohl der Gäste, Sandra Rettinger ist für den Service zuständig. Außerdem werden alle Angestellten aus dem Feldmochinger Hof auch in Dachau weiterarbeiten. "Einer ist schon 40 Jahre bei uns angestellt, viele andere schon zehn oder 15 Jahre", erzählt der 51-jährige Ludwig Rettinger, der - wie nun auch seine eigenen Kinder - im Gasthof seiner Eltern groß geworden ist. "Ich stand sozusagen schon von klein auf hinter der Schenke. Da kam für mich beruflich eigentlich gar nichts anderes in Frage."

Hotel Fischer

ie neuen Pächter im Hotel Fischer sind ein eingespieltes Team und haben jahrelange Erfahrung im Gastronomiegewerbe: Sandra und Ludwig Rettinger mit ihren Kindern Magdalena (5), Alexander (11) und Ludwig (8).

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Obwohl an der orangefarbenen Fassade weiterhin der Schriftzug "Hotel Fischer" prangen wird, heißt das Haus nun offiziell "Zum Fischer". Die Rettingers, wie sie sich selbst nennen, wollten sich in die Tradition einfügen, aber eben auch ihre eigenen Ideen mitbringen und zeigen, dass sich etwas verändert hat. Ihre Philosophie dahinter: "Wie schon in Feldmoching heißt es auch in Dachau wieder: 'Dahoam bei Rettingers'. Wir wollen ein Wirtshaus für jedermann sein und unseren Gästen sozusagen ein Ersatzzuhause geben", erklärt Sandra Rettinger. Um das zu verwirklichen, hat sich im Inneren des Hauses einiges getan: Die 15 Doppel- und 14 Einzelzimmer wurden renoviert, der Frühstücksraum komplett umgestaltet, die Rezeption modernisiert und eine neue Schanktheke eingebaut. Der Gastraum hat seinen urigen Charme behalten, sodass sich insgesamt eine angenehme Mischung aus bayerischer Gastlichkeit und modernem Ambiente im Haus ergibt. Das spiegelt sich auch in der Speisekarte wider, die Küchenchef Rettinger als "alpenländisch" bezeichnet. Auf ein kleines Detail ist das Ehepaar außerdem besonders stolz: In jedem Zimmer gibt es ein rotes Vogelhäuschen, vor dem jeweils ein anderer kleiner handgeschnitzter Vogel sitzt.

Die Geschichte des Hotels Fischer

Schon seit mehr als 150 Jahren ist das Hotel Fischer ein Fixpunkt in Dachau: Als 1866/67 die Eisenbahnlinie von München über Dachau nach Ingolstadt gebaut wird, beschließt der damalige Dachauer Bürgermeister, Jakob Hergl, in unmittelbarer Nähe des neuen Bahnhofs eine "Restauration" zu errichten. 1868 wird mit dem Bau begonnen, ein paar Jahre später wird auch der angrenzende Garten integriert. In diesem soll Platz für bis zu 3000 Besucher aus dem Umland und aus München gewesen sein. 1927 wird das Anwesen modernisiert und durch einen Saalanbau erweitert. 40 Jahre später muss der Kastaniengarten dem Bau des Altstadtrings weichen, auch das Schlachthaus und die Stallungen werden abgerissen und das Haus komplett renoviert. 1974 pachtet dann Familie Löffler den Fischer und führt im Laufe der Jahre zahlreiche Erweiterungs- und Renovierungsarbeiten durch. 1993 wird das Gebäude sogar mit dem Fassadenpreis der Stadt Dachau ausgezeichnet. Nach 33 Jahren unter der Führung der Familie Löffler kommt es 2007 zum Pächterwechsel, der Bergkirchener Gastwirt Michael Groß übernimmt und bleibt bis zum Frühjahr 2019. JUPU

Für all das mussten die Rettingers eine Menge Geld in die Hand nehmen: "Erst sah es schon so aus, als würden wir den Fischer doch nicht übernehmen", erzählt Ludwig Rettinger. Denn die Renovierung der Zimmer sei für die beiden unausweichlich gewesen, doch allein hätten sie die Investitionen nicht stemmen können. Glücklicherweise konnten sie sich dann jedoch mit der Verpächterin einigen, die für die Renovierung der Zimmer aufkam. Insgesamt, schätzt Ludwig Rettinger, seien mindestens 700 000, wenn nicht gar eine Million Euro in die Modernisierung des Gebäudes investiert worden. "Natürlich ist das in Zeiten wie diesen nicht einfach", sagt er. "Aber ein gewisses unternehmerisches Risiko hat man ja auch sonst immer." Trotzdem sind die Corona-Zeiten auch bange Zeiten für den Familienbetrieb. "Es gibt leider ein paar, die über die Stränge schlagen und das hilft der Allgemeinheit nicht. Wir wissen nicht, was noch passieren wird, aber wenn wir ganz negativ in die Zukunft blicken würden, dann hätten wir das hier nicht gemacht", meint der Familienvater. Die Rettingers setzen vor allem auf Geschäftsreisende, von denen viele schon seit Jahren immer wieder im Feldmochinger Hof zu Gast gewesen seien. Viele Gäste schätzten vor allem das Persönliche und Vertraute, das in großen Hotelketten fehle. Außerdem erklärt er: "Wir sind schon sehr überzeugt von dem Standort und der Lokalität." Auch als Traditionswirtschaft, die der Fischer in Dachau ist, malt sich das Ehepaar gute Chancen aus, denn deren Zahl nehme ja seit Jahren eher ab. Vor der Konkurrenz in Dachau haben keine Angst: "Besonders in Zeiten wie diesen ist ein kollegiales Verhältnis wichtig. Nur miteinander kommen wir ans Ziel", sagt Ludwig Rettinger.

© SZ vom 22.08.2020
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