Neue Galerie Dachau:Bildsprache

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Schrift und Bild als jeweils eigenständige Kunstform und welche Symbiose sie miteinander eingehen können, dieses spannende Konzept hat Jutta Mannes in der Neuen Galerie mit der Ausstellung "Written Imagery" famos in Szene gesetzt

Von Andreas Förster, Dachau

Großformatige Bilder, Installationen mit verschiedenen Materialien, Postkartencollagen, ein Videofilm und einem ebenso plakativen wie provokativen Schriftzug, bestehend aus 1,40 Meter großen Buchstaben aus schwarzer Kunststofffolie, das alles macht die neue Ausstellung "Written Imagery" in der Neuen Galerie aus. Gemeinsam verbinden sich die Einzelteile zu einem Gesamtkunstwerk. So wird die Sprache zum Bild - und Bild zur Sprache. Das kann man sich vorstellen wie ein überdimensionales, phantastisches (Bilder-) Buch, dessen Inhalt und Aussage sich erst durch das bewusste Einlassen auf die visuellen Reize ergeben. Abgesehen von einem kurzen Videofilm verschieben sich diese Impulse beim Mäandern durch die Räume, die von jeder Perspektive aufeinander Bezug nehmen. So ist der Betrachter stets neuen Impulsen ausgesetzt, die ihn emotional berühren.

"Written Imagery" beruht auf einer Idee des ehemaligen Leiters der Kunstgalerie Fürth, Hans-Peter Miksch. Ursprünglich sollte die Ausstellung zunächst im Frühjahr in Fürth gezeigt werden und anschließend als zweite Station in der Neuen Galerie in Dachau. Doch der Lockdown durchkreuzte die Pläne, im Juni verabschiedete sich Miksch in den Ruhestand. Also übernahm Jutta Mannes, leitende Mitarbeiterin der Dachauer Galerien und Museen, das Konzept und die Auswahl der Künstler. "Nur bei der Auswahl der Arbeiten habe ich mir einige Änderungen erlaubt", erklärt Mannes, angepasst an die Licht- und Raumverhältnisse der Neuen Galerie.

Neue Galerie Dachau: Schon vom Innenhof her - der für sich genommen schon sehenswert ist, weil er wie ein Portal in eine andere Welt wirkt - fällt der gigantische Schriftzug "LACK SPUCKEN" durch die riesige Schaufensterfront der Galerie unvermittelt ins Auge der Besucher.

Schon vom Innenhof her - der für sich genommen schon sehenswert ist, weil er wie ein Portal in eine andere Welt wirkt - fällt der gigantische Schriftzug "LACK SPUCKEN" durch die riesige Schaufensterfront der Galerie unvermittelt ins Auge der Besucher.

(Foto: Toni Heigl)

In Absprache mit den Künstlern entschied sie, welches Kunstwerk an welcher Stelle aufgehängt wird und erstellte, wie immer wenn sie eine Ausstellung für die Neue Galerie Dachau kuratiert, das Leporello: Einmal mehr handelt es sich dabei um einen kunstvoll gestalteten, kostenlosen Minikatalog. Einen eigenen Katalog gibt es für die Ausstellungen in der Neuen Galerie nicht, aber mit dem handlichen Faltbuch können sich die Besucher umfassend in Wort und Bild über die Hintergründe und die ausgestellten Künstler informieren. Mit attraktiven Bildausschnitten, die Lust auf mehr machen - mehr "Written Imagery".

Schon vom Innenhof her fällt der gigantische Schriftzug "LACK SPUCKEN" durch die riesige Schaufensterfront der Galerie unvermittelt ins Auge der Besucher. Sie geraten dadurch sofort in den Sog der Ausstellung. Der Nürnberger Künstlerin Dagmar Buhr geht es bei ihren Schriftinstallationen nie um deren sprichwörtliche Bedeutung. "Ich schaffe Assoziationsräume", erklärt Buhr, "ein jeder mag das seine daraus ziehen." Für jeden Raum, den sie mit ihrer Kunst bespielt, gibt es nur einen perfekt passenden Satz. "Es gab keine Alternative zu 'Lack spucken'", sagt Buhr. Es konnte in diesem Raum, mit der Größe der Buchstaben, dem entsprechenden Abstand und der Trennung durch die Raumecke nichts anderes sein. Und tatsächlich setzt der Schriftzug aus der Wand mattschwarz laminierter Folie eine fast körperlich spürbare, vibrierende Tonalität, die sich auf die anderen Sprach-Bild-Kunstwerke überträgt. Im starken Kontrast dazu steht "Das perfekte Bild", einem beinahe zierlichen Werk von Babak Saed, einem iranischen Künstler. Der 55-Jährige lebt seit 1978 in Deutschland lebt und verwendet vorwiegend die deutsche Sprache, zum Beispiel eingraviert in Glas, als eigene, für sich stehende Kunstform. Perfekt ist an seinem Bild eigentlich nichts, aber "genau das ist ja Absicht, und das macht es so faszinierend", betont die Kuratorin Jutta Mannes.

Vernissage Beuys

Verantwortlich für das Konzept: Jutta Mannes, die leitende Mitarbeiterin der Dachauer Galerien und Museen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nicht weniger faszinierend sind die Werke der anderen Künstler im großen Raum, den der Besucher als erstes sieht, wenn er eintritt. Hier hängen weitere Werke von Saed, beeindruckende Spiegel, aber auch großformatige, farb-explosive Bilder vom afghanischen Künstler Aatifi, eine 2-D-Installation mit dem Titel "conscious - unconscious" von der bulgarischen Künstlerin Elizabeth Thallauer (lebt seit 2006 in Deutschland und Österreich). Zu conscious - uncoscious gehört ein kurzer Videofilm. Der Film, eigentlich sind es nun wenige hypnotische Sequenzen und Abrisse des Titels, läuft in einem komplett dunklen Nebenraum, der sonst eher als Abstellraum genutzt wird, hier aber eine wunderbare Ergänzung zur Installation ermöglicht.

Vergleichsweise klein, aber nicht weniger eindrucksvoll nimmt sich die 12-teilige Bild-Sprach-Collage von Herta Müller aus. Die Literaturnobelpreisträgerin von 2009, geboren und aufgewachsen in Rumänien, nimmt sich Zeitungsausschnitte und ergänzt sie mit kleinen Zeichnungen. Auf Postkartengröße vereint entfalten sie eine wunderbar poetische Wirkung, die schon der Titel erahnen lässt: "Vereinsamt kommt nicht von Samt".

Die großformatigen, farbintensiven Ölbilder und leichtfüßigen Tusche-Zeichnungen des afghanischen Künstlers Atifi prägen die letztlich positive Grundstimmung der Ausstellung "Written Imagery", der viele Besucher zu wünschen wären. Am vergangenen Freitag war die Ausstellung im Rahmen der Langen Nacht der offenen Türen erstmals öffentlich zu sehen, sie läuft noch bis Sonntag, 15. November.

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