Kommentar Kleine Schritte zur großen Vision für den Nahverkehr der Zukunft

Die große Vision ist das Kleinklein einzelner Verkehrsprojekte.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mit einer Idee allein sind die Verkehrsprobleme nicht zu lösen. Es braucht einen Gesamtplan. Und: Alle müssen umdenken und auch bei sich selbst anfangen.

Von Thomas Radlmaier

Führen die neuen Ringbuslinien rund um München dazu, dass das S-Bahn-System auf den Außenästen morgens und abends nicht mehr kollabiert? Fahren jetzt alle mit dem Fahrrad statt mit dem Auto, weil ein Radl-Highway parallel der A 8 entlangführt? Und sind die Straßen in Dachau plötzlich frei, weil die Menschen mit einer Seilbahn in Gondeln über der Stadt von A nach B kommen? Nein! Nein! Und nein! Kein einziges dieser Zukunftsprojekte wird die massiven Verkehrsprobleme der Region lösen. Doch es ist entscheidend, dass all diese Ideen bald Realität werden. Nur durch die Gesamtheit dieser und weiterer staatlicher Maßnahmen, aber auch gesellschaftliches Umdenken lässt sich der Verkehrskollaps verhindern.

Es braucht noch viel mehr Ideen und Innovationen

Der Ausbau der Infrastruktur in der Region hechelt der Bevölkerungsentwicklung um Lichtjahre hinterher. Es braucht ganz sicher eine zweite Stammstrecke, es braucht aber genauso ein flächendeckendes Netz an Radwegen und Buslinien. Und der MVV braucht ein unkompliziertes Tarifsystem mit billigeren Preisen. Aber es braucht noch viel mehr Ideen und Innovationen. Warum nicht wie in Kopenhagen, Straßen teilweise als öffentliche Fläche freigeben? Das alles sind Steine eines großen Mosaiks. Nur wenn man sie zusammensetzt, zeigen sie Wirkung. Dass das viel kostet und deshalb für die Politik anstrengend ist, steht außer Frage. Doch eine Alternative gibt es nicht. Die große Vision ist das Kleinklein einzelner Projekte.

Gleichwohl muss nicht nur die Politik handeln. Es braucht auch ein gesellschaftliches Umdenken. Jeder einzelne ist gefragt. Denn jeder, der morgens auf sein Auto verzichtet, hilft, das System zu entlasten. Tatsächlich haben leider auch im Jahr 2019 noch viele Menschen das Gefühl von Freiheit, wenn sie mit dem Auto fahren. Auch auf kurzen Strecken. Diese Freiheit sieht dann so aus, dass jeder allein in seiner Karre hockt und genervt ist, weil wieder nichts vorwärts geht. Das ist aber keine Freiheit, das ist, als ob man eingesperrt wäre. Mobilitätsforscher Sven Kesselring hat Recht: Der Verkehr ist eigentlich dazu da, um soziales Leben in einer Stadt oder Gemeinde zu organisieren. Es ist noch ein weiter Weg, bis das in der Münchner Region reibungslos läuft. Höchste Zeit für einen Anfang.