Nächste Vorstellung am 10. März Unter den Augen des großen Bruders

Das Hoftheater Bergkirchen macht mit seiner Inszenierung des Orwell-Klassikers "1984" Lust auf Widerstand

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

In wildem Stakkato hämmert sich Musik in die Köpfe. Laut brüllen Uniformierte ihren Hass auf Emmanuel Goldstein heraus, den Staatsfeind Nummer eins. Im fiktiven Staat Ozeanien kann sich niemand dieser Gehirnwäsche entziehen. Schließlich überwachen die allgegenwärtige Gedankenpolizei und sogenannte "Televisoren" jede Regung und Bewegung. Oder gibt es doch ein Entkommen? Mögliche Antworten gibt das Ensemble des Hoftheaters Bergkirchen in seiner jüngsten Produktion: "1984", der Romanklassiker von George Orwell in der Theaterfassung von Pavel Kohout.

Das ist ein Stück, das Angst macht, Angst sich selbst freiwillig oder unfreiwillig dem allgegenwärtigen "Big Brother" auszuliefern. Aber es ist - trotz oder wegen? - des düsteren Endes auch ein Stück, das Mut macht - und Lust auf Widerstand gegen die sogenannten Verhältnisse.

Die stellen sich auf der Bühne so dar: Winston Smith (Ansgar Wilk) arbeitet im totalitären Überwachungsstaat Ozeanien als kleiner Angestellter im Ministerium für Wahrheit. Seine Aufgabe: Alte Zeitungsberichte so zu korrigieren, dass sie der Parteilinie entsprechen. Mit anderen Worten: Er muss mittels Fake News historisches Geschehen auf Linie bringen und die Sprache in "Neusprech" übersetzen, eine Kunstsprache, die die Zahl der Wörter auf 999 reduzieren will. Smith hasst den "großen Bruder". Heimlich führt er Tagebuch, sein Mittel, um den Reichtum der Sprache und seine Individualität zu bewahren. In der lebensfrohen Julia (Janet Bens) findet er eine Verbündete und Geliebte. Ein weiterer Verbündeter ist O'Brian (Jürgen Füser). Der entpuppt sich jedoch als Chef des Ministeriums für Wahrheit - und damit als ein wichtiges Mitglied der Führungsclique. Auch der stramm auf Parteilinie agierende Gedankenpolizist (Patrick Brenner) spielt ein perfides Spiel mit Smith. Dessen Traum von Gedanken- und Handlungsfreiheit endet mit Folter und Tod. Zugleich entlarvt aber Smith' Untergang, auf welch tönernen Füßen das ganze Staatsgebäude von Lug und Trug steht.

Patrick Brenner ist in seiner Doppelrolle als Gedankenpolizist und Dr. Charrington von teuflischer Charakterlosigkeit und einfach grandios.

(Foto: Niels Jørgensen)

Regisseur Herbert Müller hat sich im kargen Bühnenbild von Ulrike Beckers eng an Roman und Theaterstück gehalten. Die eigens von Max. I. Milian komponierte Musik und das von Jonathan Kramer mitverantwortete Licht- und Sounddesign machen "1984" zu einer fiktionalen Schreckenswelt, die in Teilen längst von der Realität eingeholt worden ist. Ein paar machtgeile Parteibonzen haben die Welt unter sich aufgeteilt. Sie führen Scheinkriege, treffen heimliche Absprachen mit den vorgeblichen Feinden, halten mit künstlicher Verknappung die Bevölkerung "arm, hungernd und dumpf" und knüppeln Widerstand nieder. Ihr Ziel: Macht um der Macht willen. Das klingt ziemlich nach nordkoreanischen oder syrischen Verhältnissen? Stimmt, ist aber bereits 1948 als apokalyptischer Roman erschienen. Orwell hat in "1984" unter anderem seine Erfahrungen mit Kolonialismus und Kriegspropaganda einfließen lassen. Kohout hat in der Bühnenfassung ebenfalls seine Erfahrungen mit den Fundamenten pervertierter Macht, "Hass, Unrecht und Qual", verarbeitet. Hat sich Kohout doch nie den Mund verbieten lassen. Der Mitverfasser der Charta 77, dem Manifest einer Bürgerrechtsbewegung gegen die Missstände in der damals kommunistischen Tschechoslowakei, wurde 1979 aus seinem Heimatland abgeschoben und verlor seine Staatsbürgerschaft.

Regisseur Müller hat das atemberaubende Stück aufs Wesentliche reduziert: auf die Manipulierbarkeit des Menschen mit subtilen und groben Mitteln, auf die lähmende Wirkung der Angst und auf die unabdingbaren Voraussetzungen für ein prosperierendes Staatswesen, Gedanken- und Meinungsfreiheit. Den Schauspielern gelingt der Balanceakt zwischen dem abgrundtief Bösen und dem scheinbar hoffnungslosen Kampf für die Menschenwürde mühelos. Patrick Brenner ist in der Doppelrolle als Gedankenpolizist und Dr. Charrington von teuflischer Charakterlosigkeit und spielt einfach grandios. Ansgar Wilk zeichnet den widerständlerischen Smith als etwas naiven Idealisten. Julia, gespielt von Janet Bens, ist eine Berufsoptimistin, gewitzt, schlau und mit einer guten Portion Selbsterhaltungstrieb versehen. Warum missachtet sie alle Warnsignale? Das bleibt eines der Rätsel von "1984". Ziemlich eindeutig ist dagegen, dass der aalglatte O'Brian nichts Gutes im Schilde führt. Jürgen Füser macht aus dieser höflich-brutalen Figur einen Profiteur des Terrors.

Ansgar Wilk zeichnet Winston Smith als etwas naiven Idealisten.

(Foto: Niels Jørgensen)

Diese holzschnitzartig gezeichneten Charaktere überzeugen in der Beschreibung von Unterdrückungsmechanismen und als Mahner gegen "Big Brother" in jeder Ausprägung. Zugleich geben sie ganz subtil eine Handlungsanweisung für eine lebenswertere und gerechtere Welt. Diese Botschaft kommt beim Publikum an.