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Nachwuchstalent:"Ich wollte immer 180 Prozent geben"

Marlene Mercedes

Die vielseitig talentierte Sängerin Marlene Mercedes hat inzwischen erkannt, dass sie manchmal etwas zu viel auf einmal will.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In ihrem neuen Musikvideo reflektiert die ehrgeizige junge Haimhausener Künstlerin Marlene Mercedes kritisch den Preis ihres Erfolgs

Von Eva Waltl, Haimhausen

Die kleine Marlene sitzt auf einem Wäscheberg. Neben ihr steht ihre Großmutter, die Haare fein zusammengebunden, sie singt. Ein altes zerfleddertes Liederbuch liegt vor ihr. Eigentlich hätte sie es gar nicht gebraucht. "Meine Oma kannte jedes Lied auswendig", erzählt Marlene Reiser heute, viele Jahre später. Inzwischen ist ist sie eine junge Frau von 25 Jahren und hat sich den Künstlernamen Marlene Mercedes zugelegt. Aber dieses Bild von früher hat sie immer noch vor Augen. Es war der Startschuss ihres musikalischen Werdegangs. "Das hat mich dazu angetrieben, Musik zu machen." In der Waschküche steht die Welt für einen Moment still. Marlenes Kindheit und Jugend sind von vielen Momenten geprägt, die den Glauben an ihre eigene Musik stärken.

Die Stimme der Musikerin ist klar, das hört man bereits, wenn sie erzählt. Marlene Mercedes weiß, was sie kann. Obwohl sie gerade noch am Anfang steht, arbeitet sie schon sehr professionell. Sie spricht selbstsicher über ihre noch junge Karriere, von kleinen und weniger kleinen Erfolgen, von lobenden Worten und von Träumen. Musik ist harte Arbeit und fordert viel. Wie viel zeigt Marlene in ihrem aktuellen Musikvideo "Immer nur high", das im November erschien ist. Mit diesem Lied deckt Marlene den Tisch, an dem ihre ganze Generation sitzt. Serviert werden Unsicherheit, Traurigkeit und die Sehnsucht nach echter Freiheit. Sie schrieb den Text, nachdem sie durch eine Prüfung gerasselt war, erschlagen von all den Erwartungen, die sie mit aller Anstrengung versucht hatte zu erfüllen. Vor allem die Erwartungen, die die Künstlerin an sich selbst hat: sich im Musikdschungel zu etablieren. Singen hilft ihr, sich ein wenig von dieser Last zu befreien. "Es hat mir schon immer viel bedeutet. Durch die Musik geht es mir gut."

Aufgewachsen in Haimhausen nahm sie schon während der frühen Schulzeit das "gesamte Haimhauser Musikangebot in Anspruch", sagt sie schmunzelnd. Es sei nicht immer leicht gewesen, alles unter einen Hut zu bringen, gesteht sie. Zwischen Klavier- und Schlagzeugunterricht, Gesangsstunden und Theaterproben durfte die schulische Leistung auch nie zu kurz kommen. "Das war manchmal etwas zu viel des Guten." Zur Abiturzeugnisvergabe verabschiedet sie der damalige Direktor mit den Worten "Jetzt verlässt uns unsere Sängerin." Es hallt noch lange in ihr nach: "Das hat mich sehr gefreut. Ich fühlte mich gesehen und wertgeschätzt." Doch sie sitzt auch zwischen den Stühlen, versucht parallel Studium, Theater und Gesang unter einen Hut zu kriegen. "Es ist zermürbend, Studium und Kunst voranzutreiben. Es war ein langer Prozess, mir zu erlauben, mehr in die Musik zu investieren."

Jetzt zahlt sich diese Investition aus. Gemeinsam mit ihrem Produzenten nimmt Marlene Mercedes Lieder auf und veröffentlicht Musikvideos. Im Frühjahr, vor der ersten großen Coronawelle, spielt sie die Clara, eine der Hauptrollen in dem Musical "Die Eiskönigin", und stellt ihr gebündeltes künstlerisches Talent in zahlreichen deutschen Städten zur Schau. Jetzt wird auch sie von der Pandemie zum Anhalten gezwungen. Die Stille komme ihr gelegen: "Ich kann mich darauf konzentrieren, neue Lieder zu schreiben."

Marlene Mercedes' Texte, die allesamt aus ihrer eigenen Feder stammen, sind voll von Persönlichem. Das ist ihr wichtig. Sie sind ihr Rückzugsort. Dabei durchläuft sie ein weites Spektrum an Gefühlen. "Ich bin eher emotional als rational", sagt Marlene. Das zeigt auch das Musikvideo "Immer nur high". Darin präsentiert sie die beiden Seelen, die in ihr stecken und die zwei Seiten ihrer Karriere. "Ich bemerkte, dass ich immer 180 Prozent geben wollte. Es hat mich zerrissen." In der ersten Sequenz des Videos ist sie selbstsicher und stark, betrachtet sich in einem großen Spiegel und weiß, was sie leisten kann und auch leisten will. In der nächsten Sequenz befindet sich Marlene auf einem brach liegenden Feld. Sie ist unsicher und bricht unter all dem Druck, den sie sich zum Teil auch selbst auferlegt hat, zusammen. Sie liegt erschlagen auf der Erde. Beide Seiten stecken in der Künstlerin. Sie wagt den Drahtseilakt zwischen künstlerischer Leichtigkeit und eiserner Kontrolle. Diese beiden Seiten zu erkennen, macht die Magie des Liedes aus und bewahrt es auch ein wenig davor, ins schnulzige Kitsch-Sentimentale zu kippen. Gegen Ende scheint es sogar, als hätte die Unsicherheit die Oberhand - wider Erwarten - und Marlene nimmt sie an. Sie wächst in den viereinhalb Minuten.

Für die Zukunft will die junge Sängerin genau daran anknüpfen. Weiter singen und weiter wachsen. Vier Songs sind derzeit in Planung. "Es wird wieder sehr persönlich, kraftvoll und temperamentvoll", so Marlene. Einen Manager hätte sie nicht: "Ich habe noch nichts Passendes gefunden." Sie suche noch und sei anspruchsvoll. Ihrem eigenen Genre "Deeppop", ein Begriff, den sie eigens für ihre Musik kreiert hat, bleibt sie treu: Pop, aber tiefgründig und mit einer beeindruckenden persönlichen Note.

© SZ vom 05.12.2020
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