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Nachhaltiges Wirtschaften:Neuer Schwung für fairen Handel

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Die Gemeinde Petershausen darf sich bereits seit 2015 Fairtrade-Gemeinde nennen, nun wollen fünf weitere Gemeinden im Landkreis Dachau dem Beispiel der Glonntalgemeinde folgen

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nach dem Vorreiter Petershausen machen sich in fünf weiteren Kommunen Fairtrade-Initiativen auf den Weg zur Zertifizierung. In Überlegung sind zudem landkreisübergreifende Aktivitäten mit Freising und München

Von Horst Kramer, Petershausen

Schon seit 2015 darf sich Petershausen "Fairtrade Gemeinde" nennen. Nun könnten der Glonntalgemeinde weitere Landkreis-Kommunen folgen. Am vergangenen Mittwochabend luden die Grünen Petershausen zu einer Vernetzungsvideokonferenz der Fairtrade-Unterstützer: 19 Personen nahmen daran teil, darunter Interessierte aus Bergkirchen, Dachau, Haimhausen, Karlsfeld, Röhrmoos, Vierkirchen, Weichs sowie Petershausen. Aus der Fairtrade-Stadt Unterschleißheim war Jolanta Wrobel zugeschaltet - die ÖDP-Kreisrätin hatte dort den Zertifizierungsprozess nicht nur für ihre Stadt, sondern auch für den Landkreis München-Land auf die Schiene gesetzt.

Alexander Heisler (Grüne), der den Abend moderierte, sprach hinterher von einer "Aufbruchsstimmung", die er verspürt habe. Nicht zuletzt dank Wrobel, die vorschlug, die Fairtrade-Aktivitäten in den Landkreisen Dachau, Freising und München-Land zu vernetzen. "Bemüht Euch um einen Kreistagsbeschluss, damit euer Landkreis als Fair-Trade-Region zertifiziert werden kann", riet sie der Runde. Eine Idee, die die Dachauerin Brigitte Hinterscheid (SPD) sofort begeistert aufgriff: "Bei unserem Landrat laufen wir damit offene Türen ein." Tatsächlich hatte sich Stefan Löwl (CSU) im Februar 2020 bei einer Veranstaltung auf dem Petersberg gegenüber der Thematik sehr aufgeschlossen gezeigt. Sein Parteifreund, der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU), hatte dort eindringlich für sein Lieferketten-Gesetz geworben. Gegenüber der Dachauer SZ sagte der Landrat am vergangenen Donnerstag: "Der Landkreis engagiert sich seit Jahren im Bereich Nachhaltigkeit, Regionalität, Bio und Fairtrade sowie bei der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit, auch ohne ein entsprechendes Label." Fairtrade sei ein Thema, so Löwl, bei dem die Kommunen als Vorbild dienen können, die "wirkende Umsetzung" aber in der Gesellschaft erfolgen müsse und nicht "von oben" kommen sollte. Im Landkreis Dachau traf der CSU-Minister Gerd Müller mit seinem Projekt auf viel Gegenliebe.

Fairtrade-Kommune

Das Label "Fairtrade-Town" wird vom Kölner Verein Transfair im Rahmen eines Zertifizierungsprozesses vergeben. Zu den Gründungsmitgliedern des Vereins zählen die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, mehrere kirchliche Organisationen und das DGB-Bildungswerk. Mehrere Kriterien müssen erfüllt sein: So muss der Gemeinderat oder Stadtrat sowie alle Ausschüsse Fairtrade-Kaffee und mindestens ein weiteres Produkt aus fairem Handel nutzen. Das Gremium muss die Zertifizierung per Beschluss beantragen. In der Steuerungsgruppe muss die Kommune vertreten sein. Je nach Größe der Kommune muss eine bestimmte Anzahl von Geschäften entsprechende Produkte einsetzen - in einer 6500-Einwohner-Gemeinde wie Petershausen reichen zwei. Zudem sollen öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Vereine und Kirchen faire Produkte nutzen und über die Hintergründe informieren. In Deutschland sind derzeit rund siebenhundert Städte und Gemeinden als "Fairtrade-Towns" registriert. kram

So berichtete die Bergkirchener Gemeinderätin Ruth Göttler (Grüne) von Gesprächen mit Bürgermeister Robert Axtner (CSU) in Sachen Fairtrade-Zertifizierung. Nach Informationen der Dachauer SZ könnte das Thema demnächst in einer Ratssitzung behandelt werden. Die Große Kreisstadt Dachau ist schon deutlich weiter. Dort setzt sich seit Jahren die vielseitig engagierte Brigitte Hinterscheid (SPD, Weltladen, Liedertafel, Ampertaler) für den fairen Handel ein. Vor zwei Jahren beschloss der Stadtrat auf Hinterscheids Antrag, den Zertifizierungsprozess zu unterstützen. Ein Lenkungsgremium wurde zwar gebildet, die Pandemie brachte die Aktivitäten jedoch ins Stocken, so Hinterscheid. In Haimhausen stellte sich der dortige Gemeinderat im Januar einstimmig hinter einen entsprechenden Antrag der dritten Bürgermeisterin Sabrina Spallek (Grüne). Bürgermeister Peter Felbermeier (CSU) hatte Spalleks Vorstoß unterstützt. Die achtköpfige Lenkungsgruppe sei inzwischen registriert, so Spallek, Haimhausen ist nun offiziell eine "Fairtrade-Town in Bewerbung", wie auf der Seite www.fairtrade-towns.de nachzulesen ist.

Karlsfeld war durch Gemeinderat Thomas Nuber (Grüne) vertreten. Er hatte Heisler vorab erzählt, dass das Thema zwar in Partei und Fraktion angesprochen worden sei, aber noch keine weiteren Schritte beschlossen wurden. In Röhrmoos scheint sich hingegen eine überparteiliche Gruppe zu formieren, wie die Grünen-Rätin Constanze Feneis berichtete. Auch die SPD und die Freien Wähler hätten ihr Interesse bekundet - Gemeinderat Georg Niederschweiberer (FW) nickte bestätigend. Der zweite Bürgermeister Artur Stein (Grüne) und die dritte Bürgermeisterin Andrea Leitenstorfer (CSU) haben sich laut Feneis schon positiv geäußert. Aus Vierkirchen hatten sich Wolf Dieter Feist und Anita Penkert (beide Bund Naturschutz) zugeschaltet, um erste Informationen einzuholen. Die Kreisgruppe des BN setzt sich seit geraumer Zeit für lokale Biolebensmittel ein. Der Weichser Moritz Metzner berichtete von seinen Bemühungen, Geschäfte und Gastronomiebetriebe auf die Thematik anzusprechen - ein Anliegen, das speziell bei den Gastronomen derzeit auf wenig Interesse stößt.

Die Petershausener Fairtrade-Vorreiterin Christa Trzcinski sprach Metzner Mut zu. "Es reicht schon, wenn ein Betrieb zwei Fairtrade-Teesorten anbietet, um als Fairtrade-Betrieb anerkannt zu werden", erklärte Trzcinski. "Bei den Gewinnmargen, die man mit einem Teebeutel erzielen kann, sollte das kein Problem sein", merkte sie mit einem Augenzwinkern an. Trzcinski gab anschließend einen Abriss über die weltweite Kaffeeindustrie und den fairen Handel. Mit interessanten Zahlen: So werden in Deutschland derzeit 260 "Stadtkaffees" verkauft, also fair gehandelter, aber umetikettierter Kaffee, den eine Kommune mit ihrem Namen und Wappen verzieren kann. Den "Dachauer Kaffee" gibt es schon seit zwanzig Jahren, auch Petershausen verfügt über seine eigene Marke.

Die Runde wird sich demnächst wieder treffen. Heisler wird den Termin frühzeitig bekannt geben. Im Gespräch mit der Dachauer SZ betonte der Petershausener: "Fairer Handel ist keine parteipolitische Angelegenheit. Sie geht uns alle an."

© SZ vom 03.03.2021
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