Nach Busunglück:"Ein Fall für den Staatsanwalt"

Lesezeit: 3 min

Richard Hempe hält die Warnhinweise der Stadt München vor der unfallträchtigen Bahn-Unterführung in Moosach für unzureichend. Der Dachauer erwägt, Strafanzeige wegen Fahrlässigkeit zu stellen.

Von Anita Naujokat

Zerstörter Doppeldeckerbus in München, 2013

Immer wieder kommt es in der Moosacher Unterführung zu Unfällen. Erst im Juni war ein Doppeldeckerbus mit dänischen Jugendlichen verunglückt.

(Foto: Robert Haas)

Die Unfallursache ist geklärt, neue Warnhinweise sind angebracht, doch die Kritik bleibt. Vermutlich durch die Streckensuche abgelenkt, hatte der Fahrer des Doppeldeckerbusses mit dänischen Schülern an Bord zu spät die Höhe der Bahnbrücke an der Dachauer Straße wahrgenommen, wie eine Polizeisprecherin bestätigt. Mit dem Fahrzeug war er stadtauswärts auf dem Weg zur KZ-Gedenkstätte in Dachau in die zu niedrige Unterführung gefahren. Das Dach des Busses wurde dabei aufgerissen und zusammengeschoben, 40 Jugendliche wurden bei dem Unfall zum Teil schwer verletzt.

Der Dachauer Richard Hempe hat noch am Abend nach dem Unfall am Sonntag, 9. Juni, einen offenen Brief an Oberbürgermeister Christian Ude verfasst. Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater wohnt in der Großen Kreisstadt und passiert täglich die Unterführung zu seiner Arbeit in München. In dem Schreiben spricht er von einem Höhepunkt "einer nahezu unendlichen Serie von Unfällen" und fordert rasche und wirksame Abhilfe, die nicht teuer, kompliziert oder zeitaufwendig sein müsse.

Inzwischen hat das Münchner Baureferat die bestehenden Hinweise mit übergroßen Warnschildern und Blinklichtern beidseits der Unterführung verstärkt. Piktogramme auf den Fahrbahnen, auch auf den Abbiegespuren der Nebenstraßen, warnen vor dem Hindernis. Die Stadt will zudem prüfen, ob eine automatische, von Lichtschranken gesteuerte Höhenkontrolle machbar ist.

Zwei ersetzte Lämpchen und ein paar ausgetauschte Schilder sind Richard Hempe aber nicht genug. Kaum ein ortsunkundiger Fahrer rechne auf der breiten Dachauer Straße stadtauswärts in Richtung Autobahn mit so einem "Mauseloch", sagt er. Noch dazu in Anbetracht des allgemeinen Münchner Schilderwalds, der es Auswärtigen erschwere, auf Anhieb wichtige von unwichtigen Schildern zu unterscheiden. Jeder sei einmal kurz abgelenkt, sagt Hempe, was aber nicht gleich zur tödlichen Gefahr werden dürfe.

Denn Alternativen gebe es genug, ist Hempe überzeugt. Die Franzosen etwa warnten vor zu niedrigen Bauwerken gerade auch in Städten, wo Straßen oft unter Flussbrücken hindurchführten, mit einer Art Galgen, ähnlich einer über der Fahrbahn hängenden Ampel. Nur dass an einem Querbalken in der kritischen Höhe ein leichtes Kunststoffrohr hängt, das an jene Fahrzeuge schlägt, die für eine Durchfahrt zu hoch sind. Ein solcher "Klingelbalken" (von Fachleuten Lichtraumprofilbrücke genannt) findet sich auch vor der Klemkebrücke im Berliner Ortsteil Reinickendorf. Mit dem Geld, das Ortstermine und Planungen kosteten, hätte die Stadt schon längst eine sichere Lösung zustande bringen können, findet Hempe. "Das ist simpel und billig." Statt dessen lasse man die Leute einfach reinfahren. Das "wissentliche Nichtstun" der Stadt sei für ihn ein "echter Skandal" und "ein Fall für den Staatsanwalt". "Den Kindern hätte nichts passieren brauchen, wenn die Amtsträger der Stadt München ihren Pflichten nachgekommen wären."

Doch ganz so einfach stellt sich für Peter Geck, Verkehrssicherheits- und Schulwegbeauftragter der Landeshauptstadt München, die Situation nicht dar. Nur schnell was drüberhängen funktioniere nicht, sagt der Mann aus dem Kreisverwaltungsreferat (KVR). Er verstehe die Sorgen der Bürger. Das Thema berühre ihn selbst sehr stark. "Schulkinder im Bus sind etwas ganz anderes, als wenn die Ladung eines Lkws beschädigt wird." Doch mit blindem Aktionismus sei niemandem gedient.

Die Hauptschwierigkeit an der Stelle sei der beengte Raum. Höhenkontrollen müssten in ausreichendem Abstand vor dem Hindernis angebracht werden, weil man auch Reaktions- und Bremszeit einkalkulieren müsse, sagt Geck. Dies beinhalte aber auch das Problem, dass große Fahrzeuge die Sperre auslösen könnten, wenn sie in Seitenstraßen wie die Gröbenzeller Straße kurz vor der Unterführung stadteinwärts abbögen. Sind die Höhenkontrollen aber zu nahe an der Unterführung, könne es zu spät sein. Hinzu komme, dass die Konstruktion sturmfest und sicher über beide Fahrbahnen verlaufen müsste. Doch für Stützen und Fundamente sei wenig Platz. Das Ganze müsste zudem so eingestellt sein, dass nicht gleich jede wenige Zentimeter hochflatternde Lkw-Plane auslöse oder Fahrzeuge beschädigt würden, so dass Teile auf Passanten und Radfahrer fallen könnten. "Das heißt nicht, dass es keine Lösung gibt", sagt Geck. "Aber das sind alles sehr aufwendige technische Fragen, die Spezialisten beantworten müssen, um die fachlich beste Lösung zu finden."

Hempe beeindruckt die Argumentation aus dem KVR nicht sonderlich. "Warum geht es in Frankreich und anderswo und bei uns nicht?", fragt er - und denkt immer noch daran, Strafanzeige gegen die Stadt München wegen Fahrlässigkeit zu stellen.

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