Musikkabarett Frech wie eh und je

Majestätsbeleidigung kommt bei den Well-Schwestern aus vollstem und immer schon aufsässigem Herzen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Von der Wut der Wellküren auf selbst ernannte Abendländler

Von Renate Zauscher, Schwabhausen

Kabarett zu machen, hält ganz offensichtlich jung und beweglich, geistig wie körperlich. Der lebende Beweis hierfür sind die Wellküren. Die drei Well-Schwestern waren am Samstag in der Post in Schwabhausen zu Gast und das Publikum hat sie dabei so spritzig, so frech und ungeniert erlebt wie eh und je. Immerhin stehen Moni und Burgi seit nunmehr 33 Jahren auf der Bühne und Bärbi, die etwa zur Halbzeit gegen eine weitere Schwester, Vroni, eingewechselt wurde, ist auch schon wieder seit mehr als einem Dutzend Jahre dabei. Keine Spur aber von Berufsmüdigkeit - ganz im Gegenteil!

"Abendlandler" haben die Well-Schwestern ihr aktuelles Programm genannt, und sie wissen, von was sie reden: Schließlich haben sie bei ungezählten Auftritten in sämtlichen - auch abgelegenen - Winkeln und Ecken dieser Republik einen Gutteil unseres "Abendlandes" und seiner "Abendländler" kennengelernt. Sehr lustig singen die Schwestern von dem, was die da alles zwischen Hamburg und Lindau, Zwickau, Plauen oder Leipzig, Adel- oder Odelzhausen und auch schon in Schwabhausen erlebt haben.

Die Wellküren halten sich - nicht ganz zu Unrecht - zu Gute, dass sie Wackersdorf und auch "den Strauß gestoppt" haben. Der heutige Zustand des "Abendlandes" aber und vor allem diejenigen, die es retten wollen, befördert bei ihnen ganz offensichtlich so etwas wie bühnenreifen Brechreiz. Auch wenn Moni beteuert, sich um Gelassenheit zu bemühen: Es bricht dann eben doch mit Wut aus ihr heraus, was sie von "Horst dem Furchtbaren" hält oder von diesem "lächerlichen sauren Zipfel", der heute unser Ministerpräsident ist.

Majestätsbeleidigung? Ja, natürlich, und sie kommt aus vollstem, immer schon aufsässigem Herzen und aus der Leidenschaft, Dinge ohne Rückhalt zu benennen. Schon "das G'schau" dieses "Kerls", dem Söder, kann Moni nicht ertragen und sie redet sich in Rage über den Mann, der vor der Wahl noch "wie ein Löwe gebrüllt hat" und jetzt nur noch ein klägliches "Miau" herausbringt. Und da ist auch noch dieser "Scheiß-Dobrindt" oder sein "würdiger Nachfolger": "Bescheuerter geht's nimmer", befinden die Wellküren, wenn sie an dessen E-Scooter und an überfahrene Rollatorfahrer auf den Gehwegen denken. Gar nicht zu reden von dieser Alice Weidel und ihren Gesinnungsgenossen, oder "diesem Trump mit seiner Mauer": Alles Gestalten, die den Wellküren Angst vor der nächsten Wahl und der Zukunft insgesamt machen.

Nicht nur der politische Furor ist es, der die Wellküren zu höchsten kabarettistischen Leistungen beflügelt - auch dem täglichen Leben können sie Komisches wie Beängstigendes abgewinnen. Da ist die Internetkaufsucht mit ihren Folgen, da sind die älter werdenden Männer, die im Zuge des Alterns allmählich an Attraktivität einbüßen, und die offene Frage: "Braucht's Männer eigentlich?" Auch über sich selbst können die Wellküren lachen: Dann etwa, wenn Burgi über ihre unübertroffenen Fähigkeiten als "Verliererin" von allem und jedem, Verstand wie Herz oder der vielen bereits in der Bahn vergessenen Gitarren singt.

Den doppeldeutigen Titel "Abendlandler" haben die Wellküren natürlich nicht zufällig gewählt: Der "Landler" und mit ihm das, was sie und ihre Geschwister an bayrischer Volksmusikkultur vermittelt bekamen, bildet nach wie vor einen wichtigen Teil dessen, was sie auf der Bühne tun. So beschwören sie die Stubenmusik als probates Heil- und Gegenmittel gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Dabei beschränken sie sich nicht auf Hackbrett (Moni), Gitarre (Burgi) oder Harfe und Akkordeon (Bärbi), sondern nehmen auch so unbekannte Instrumente wie die mit einem Bogen zu bestreichende Nonnentrompete zur Hand, und spielen darauf herzergreifend schrill und schräg. Blasinstrumente, erzählen sie, hätten daheim nur die Buben erlernen dürfen, aber als emanzipierte Frauen lassen sie solche innerfamiliären ebenso wie manche anderen Grenzen schon längst nicht mehr gelten, und nehmen auch Tuba und Posaune oder ein Saxofon zur Hand.

Und genau das ist es, was das Publikum an den Wellküren so liebt: ihre Freiheit, ungeniert zu denken, zu tun und zu sagen, was sie wollen. Dafür gab es in der Post zu Schwabhausen immer wieder begeisterten, ja stürmischen Beifall - und dies gerade auch dort, wo es um Politik ging: Die Sorge um das, was selbst ernannte "Abendländler" jeder Couleur diesem Abendland antun, treibt offensichtlich auch die Schwabhauser um.