Das Schild hängt noch an der Fassade, „Amperbote“, aber das Anzeigenblatt wird hier schon lange nicht mehr produziert. In dem blauen Haus an der Konrad-Adenauer-Straße befindet sich jetzt eine Kleinkunstbühne – mit Musikschule, Tonstudio und Ausschank. „Musikbote“ nennt Thomas Salvermoser sein offenes Kulturprojekt. „Ich habe schon immer gerne Veranstaltungen organisiert“, sagt der freischaffende Musiker. Ende November startet das Programm. Zwei Testläufe gab es bereits, beide Male war das Haus rappelvoll, das Interesse ist enorm. Als bei der „Langen Nacht der Galerien“ im September eine Ausstellung des Graffiti-Künstlers Adrian Till gezeigt wurde, mussten viele sogar anstehen.
Für den Kulturstandort Dachau hat der Musikbote enorme Symbolkraft. Aus der Altstadt kamen die vergangenen Monate vornehmlich Nachrichten, die den Eindruck eines unaufhaltsamen Niedergangs vermittelten: Das Café Gramsci dicht, der Alte Metzgerhof nur noch eingeschränkt nutzbar, die Kulturschranne eine Großbaustelle – und wegen statischer Schwierigkeiten nun auch noch länger als geplant. Salvermoser sitzt auf einem abgewetzten Holzstuhl und schaut durch das Schaufenster auf die leere Straße. „Man merkt, dass gerade wenig los ist“, sagt er. Mit dem Musikboten könnte sich das ändern.

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Im Kulturausschuss des Stadtrats loben sie quer durch die Fraktionen die neue Bühne als wertvollen Beitrag zur Belebung der Altstadt. Kulturreferent Ramon Rümler (SPD) freut es besonders, dass der 25-Jährige in der Altstadt ein Angebot schafft, das auch „junge Leute pusht“. Wie groß die Hoffnungen sind, lässt sich schon daran ablesen, dass der Ausschuss Salvermoser einen Zuschussantrag über mehr als 6600 Euro bewilligt hat. Nach den städtischen Förderrichtlinien geht das eigentlich gar nicht. Bezuschusst werden dürfen nur Vereine, nicht einzelne Personen. Aber hier machen alle (bis auf Jürgen Seidl von den Liberalen) eine Ausnahme. Die Stadträte haben großes Interesse daran, dass der Musikbote eine Erfolgsgeschichte wird.
Ein fertiges Skript für diese Geschichte gibt es noch nicht. Das Projekt hat sich über Monate immer weiter entwickelt. „Vielleicht wird es auch nie abschließend fertig sein“, sagt Salvermoser. „Es verändert sich die ganze Zeit irgendetwas.“ Jeden Morgen, wenn er die Augen aufschlage, habe er neue Ideen, was er noch alles machen könnte in seinem Musikboten. Der Unternehmergeist ist geweckt. Selbst beim Gassigehen mit Australian-Shepherd-Hündin Emmi schmiede er voller Begeisterung Pläne, erzählt er. „Ich sehe das als riesengroßes Geschenk.“
„Wenn ich richtig Gas gebe, funktioniert das auch.“
Dabei ist der Musikbote eigentlich aus der Not geboren. Bisher gab Salvermoser seinen Schlagzeugunterricht in den Kellerräumen seines Elternhauses. Das sei „nicht gerade förderlich für die politische Großwetterlage im Haus“ gewesen. Eine Alternative musste her. Aber einen Übungsraum in Dachau zu finden, ist schwer, das bestätigen einem alle.
Er bekam den Tipp, sich an die Vermieterin des Amperboten zu wenden. Während er mit ihr telefonierte, fiel ihm ein, dass man dort ja auch eine Kleinkunstbühne machen könnte. Unvorsichtigerweise sagte er das auch. Die Vermieterin fand die Idee super: „Dann ist ja endlich wieder was los in der Altstadt!“ Aus dem Gedankenblitz aus heiterem Himmel wurde ein Konzept. „Ich habe mir gedacht: Wenn ich richtig Gas gebe, funktioniert das auch.“ So läuft das manchmal. Und bisher, muss man sagen, läuft es ja auch ziemlich gut.
Auf einer kleinen Bühne in der Ecke steht ein Keyboard, dahinter ein Schlagzeug. Das Holzpodest fügt sich passgenau in den Rücksprung des Raums, gerade so, als hätte man das Haus extra für diesen Zweck gebaut. Kleine eckige Holztische stehen im Raum verteilt, dazu die passenden Stühle, alles mit Gebrauchsspuren. Hinter der professionellen Küchenspüle aus Edelstahl hängt eine alte Tafel mit Getränkepreisen. Das Mobiliar stammt aus der Auflösung eines Gastronomiebetriebs in Ingolstadt.




Den Tipp, die Möbel von dort zu kaufen, hat er von Johannes Schwarz bekommen. Schwarz ist Inhaber der „Aperitivo-Ape“ in der Altstadt. Dort hat Salvermoser zur Volksfestzeit nebenbei noch als Bedienung ausgeholfen, obwohl er schon mehr als genug zu tun hatte. „Ich war fix und fertig“, sagt er und lacht. Aber er brauchte den Job. Oder besser gesagt: die Erfahrung. Er muss ja wissen, wie das läuft in der Gastronomie, wenn er eine Kleinkunstbühne erfolgreich betreiben will. Enthusiasmus und gute Ideen allein werden nicht reichen, das weiß er selbst: „Am Ende müssen die Zahlen stimmen.“
Viele Freunde unterstützen ihn, schenken auch mal ein alkoholfreies Getränk aus oder machen die Kasse, während er das Tonpult bedient. „Man kann ja nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.“ Und in seiner Musikschule ist er nicht der Einzige, der unterrichtet. Zu seinem „Kollegium“ gehören auch sein Bruder Michael, der als Trompeter bei der Jazzrausch Bigband, spielt, Daniel Pihale, bekannt aus der Dachauer Rock-Band Boxhead, Constanze Miller, Sängerin der Birdies, und Thomas Eibl. Mit Letzterem arbeitet Thomas Salvermoser derzeit an der Fertigstellung des ersten Albums ihres gemeinsamen Live-Techno-Duos Somnya, „Departure“. Es ist immer was los bei ihm.
Mit einer ganzen Reihe von Konzerten, von Jazz bis Metal, startet der Musikbote in Kürze sein Programm. Den Auftakt macht am Samstag, 29. November eine konzertante Lesung mit Markus Wilmsmann (Bass), Ralf Kirchner (Gitarre und Gesang), Angie Dirking (Violine), Joe Kieser (Gitarre) und Peter Salvermoser (Bass). Verfasst hat das „Kinderbuch für Erwachsene“ über die Abenteuer den Musik liebenden Elchs Elchi „Dr. CT. C. Peppermoser“. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich kein anderer als Christian Salvermoser, der ehemalige Wirt des „Café Gramsci“.
Das Programm im Advent: Samstag, 29. November: „Dr. CT. C. Peppermoser“ (Szenische Lesung mit Band); Freitag, 12. Dezember: „Hathi“ (Hammond Orgel, Schlagzeug, Saxofon); Samstag, 13. Dezember: „Nucular Shadow“ (Heavy Metal). Beginn ist jeweils um 20 Uhr, geöffnet ab 19 Uhr. Bereits um 18 Uhr beginnt am Freitag, 19. Dezember die „Open Stage Jam Session“, und am Samstag, 20. Dezember gibt es schon ab 16 Uhr die: „Riding Higher Allstars“ (Vinyl Only – DJ Sets).

