Musik aus Dachau Traumstart

Die Dachauer Band "Owing to the rain" gibt es erst seit einem Jahr. Jetzt kämpft sie um den Sieg beim Emergenza-Weltfinale

Von Sarah Stemmler, Dachau

Der Bandname lässt es nicht vermuten, aber die Jungs von Owing to the rain (OTTR) stehen gerade eindeutig auf der Sonnenseite des Lebens. Obwohl es die Dachauer Band in der aktuellen Besetzung erst seit August 2015 gibt, fehlt von Startschwierigkeiten jede Spur: Anfang Juli haben OTTR das Süddeutschlandfinale des Emergenza Band Contests gewonnen. Der groß angelegte Nachwuchswettbewerb wird zwar in Musikerkreisen als kommerzialisiert kritisiert und teils kontrovers diskutiert. Doch er bietet Newcomern die Chance, ihren Bekanntheitsgrad enorm zu steigern. OTTR dürfen am Samstagnachmittag, 13. August, auf dem Taubertal-Festival mit 19 internationalen Bands um den Sieg beim Emergenza-Weltfinale spielen. Dem Gewinner winkt eine Europatournee. Es eröffnen sich also bis dahin ungeahnte Perspektiven für eine so junge Band.

Alle Stücke sind selbst geschrieben

"Dass wir einfach so ins Finale durchrutschen, hätten wir nicht gedacht", sagt Christopher Wörmann. Der 19-jährige Gitarrist sieht den Wettbewerb vor allem als Chance, um Bühnenerfahrung zu sammeln. "Wir hatten ein paar Songs, die wir präsentieren wollten, um zu sehen, wie sie nicht nur bei Freunden, sondern bei fremdem Publikum ankommen." Die Jungs schreiben all ihre Stücke selbst, in den Texten erzählen sie von ihrem eigenen Leben. Der Kernsong ihrer EP, die im Herbst erscheinen soll, handelt unter anderem von Mobbing in der Schule. "Es ist ein Appell an diejenigen, die es einem schwer gemacht haben", sagt Sänger Philip Donath. Manche Stücke, erzählt der 22-Jährige, sind sehr persönlich. "Wenn man einen Song spielt, der einem emotional brutal viel bedeutet und dafür dann auch noch Applaus erntet, ist es das schönste Gefühl überhaupt."

Die Gruppe "Owing to the rain" stammt aus Dachau.

(Foto: oh)

Für OTTR ist Musik eine Herzensangelegenheit, es ist "das, was uns allen Spaß macht". Bei ihren Auftritten ist das nicht zu überhören. Die Songs der jungen Band pulsieren vor Energie, jedes Lied entwickelt seine eigene Dynamik. "Owing to the rain" klingt nach sehnsuchtsvollen Balladen und melancholischem Klaviergeklimper, aber musikalisch ist die Band eher im Indie-Rock anzusiedeln. Und so poetisch der Name daherkommt, sein Ursprung ist recht profan: Bei den ersten Proben hat es schlicht viel geregnet. Die Musik von OTTR erinnert ein wenig an die in Dachau gut bekannte Gruppe Kandinsky, mit der OTTR auch befreundet sind. Zu verwechseln sind die Bands allerdings nicht, allein mit Philips rauer Stimme haben OTTR schon ein Markenzeichen. Und auch wenn man Bands gerne ein Genre als Stempel aufdrückt, OTTR sträuben sich gegen jede Einordnung. "Wir sind bunt durchgemischt, haben viele verschiedene Einflüsse", sagt Kilian Kellner, der 21-jährige Schlagzeuger. Er selbst käme eher aus der Metal-Ecke, habe aber auch schon in einer Jazzband gespielt. Für Philip ist Elton John "The Master of Piano". Und Jonas Gewalt, 21 Jahre alt und zweiter Gitarrist, erinnert sich immer noch an seine erste CD von den Red Hot Chili Peppers. "Wir sind nicht die klassische Rock- oder Pop-Band", sagt Kilian. "Wir wollen unseren eigenen Weg gehen."

Die komplette Freizeit steckt im Bandprojekt

Die fünf Bandmitglieder kommen aus Dachau, Hebertshausen, Karlsfeld und Vierkirchen und treffen sich mindestens zweimal pro Woche zum Proben. Auch öfter, wenn es geht. Sie stecken viel Zeit in ihr Bandprojekt, eigentlich "die komplette Freizeit". Dabei führen die Jungs keineswegs ein improvisiertes Künstlerleben voller Müßiggang und Studentenpartys. Philip arbeitet als Lokführer beim MVV, Christopher beginnt bald seine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann. Kilian studiert, ebenso wie Jonas. Der Bassist der Band, Andreas Scherm, ist 18 Jahre jung und hat gerade erst sein Abi gemacht. Trotzdem, wenn es hart auf hart käme, würden sie für die Band "alles opfern", würden ihre Berufe sofort an den Nagel hängen, wenn sie von der Musik leben könnten. OTTR sind mit Leidenschaft dabei. Momentan schwimmt die Band auf der Welle der Begeisterung, darüber, wie rasend schnell sie sich entwickelt haben. Noch im Frühjahr 2015 gab es nicht mehr als eine Whatsapp-Gruppe, ungefähr 20 Leute, die sich trafen, um gemeinsam zu musizieren. "Es hat sich aber relativ schnell herausgestellt, wer mehr Biss hatte, um weiterzumachen", sagt Kilian. "Die Chemie hat gestimmt", fügt Christopher hinzu. "Es hat einfach gepasst." Von den 20 Hobbymusikern waren bald nur noch Kilian, Philip, Christopher und Andreas übrig. Als Jonas dann im Sommer dazu kam, war die Band komplett.

"Owing to the rain" live im Backstage beim Emergenza München.

(Foto: oh)

Mit Druck umgehen

Die Songs von OTTR entstehen häufig beim Jammen, "in den Proben ist das ein Vorgang". Meistens käme die Grundidee für ein Lied von einer Einzelperson, letztendlich sei der Song dann aber Teamwork. "Das zeichnet eine Band aus", sagt Philip. "Man muss offen sein gegenüber allen Einflüssen und Ideen." Ob es da nicht auch mal Streit gibt? "Also, Streit ist das nicht", winkt Philip ab. Die Band sei demokratisch, zu fünft käme man auch immer zu einer Entscheidung, erklärt Jonas und grinst. Und bei allen Unterschieden wirkt die Band doch insgesamt harmonisch. Sie haben schließlich auch viel zusammen erlebt im vergangenen Jahr. Beim ersten Gig im Oktober 2015 war die Aufregung noch fast übermächtig. Nach 16 weiteren Auftritten, unter anderem beim Emergenza Band Contest und beim Life Festival in Polen, fühlen sich die Jungs wohl auf der Bühne und können mit dem Druck umgehen.

Doch auch wenn das Selbstbewusstsein der Band mit den Erfolgen gewachsen ist, noch klingen die Fünf nicht nach Selbstüberschätzung. Erst mal gehe es darum, zu sehen, wie weit man komme. "Wir sind eine neue Band aus dem Münchner Umland, die Bock hat, Musik zu machen und möglichst viele Gigs zu spielen. Das wollen wir zeigen", sagt Philip, lächelt und fügt hinzu: "Aber natürlich hat man Träume."