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Musik in Dachau:Traditionell aktuell

Der Zitherklub wird 125 Jahre alt und hat eine Volksmusik bewahrt, die heute noch gerne gespielt wird. In Dachau traten regelmäßig die Großen auf, wie der Kiem Pauli. Zwei Jubiläumskonzerte im Dachauer Schloss

Von Sonja Siegmund, Dachau

Der Zitherklub Dachau steht für Kontinuität in einer Zeit der massiven Umbrüche. Er gilt als Bewahrer einer Volksmusik, ohne die es die heutigen Vertreter einschließlich all der Gruppen, die sich dem Crossover aus Brauchtum und moderner Interpretation verschrieben haben, nicht geben würde. Der Zitherklub versteht sich als Bewahrer der "echten Volksmusik" und damit einer Tradition, die, wenn man es genau nimmt, bis in die Antike zurückreicht: Denn die Ursprünge des Instruments gehen auf das griechische Monochord zurück, das schon um 600 vor Christus gespielt wurde.

Aber die bayerische Geschichte ist beeindruckend genug. Die Zither war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das populärste Instrument in der Volksmusik. Das Renommee war vor allem Herzog Maximilian in Bayern zu verdanken, dem Vater der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sissi). Mit seinem Zitherspiel erwarb sich der Herzog große Verehrung beim bayerischen Volk, das ihn dafür liebevoll den "Zither Maxl" nannte. Die Zither wurde dank Herzog Max hoffähig gemacht, avancierte sogar geradezu zum Modeinstrument. Der Herzog sammelte Volksweisen und -lieder aus seiner altbairischen Heimat, die er selbst meisterhaft vortrug und vermischt mit Eigenkompositionen in adeligen und bürgerlichen Kreisen bekannt machte.

Das Dachauer Schloss ist die Heimstätte des Zitherklubs bei Konzerten.

(Foto: Niels P. Jorgensen)

Deswegen kann man ihn als den Wegbereiter echter, bayerischer Volksmusik bezeichnen - später setzten das Musiker wie Kiem Pauli und Tobias Reiser fort. Nach wie vor ist dieses Saiteninstrument bei den Freunden echter Volksmusik beliebt, ob solo gespielt, als Begleitung oder im Orchester. Der Zitherklub Dachau widmet sich seit nunmehr 125 Jahren diesem Instrument. Wie in der Vereinschronik zu lesen ist, sollen bereits um 1875 Nikolaus Reichlmair und Ignaz Schmid als Zitherduo in Dachauer Gaststätten aufgetreten sein. Ebenso überliefert ist, dass vor 1890 in einigen Familien Hausmusik und Zitherspiel gepflegt wurde. Demzufolge gab es in der königlich bayrischen Marktgemeinde Dachau bereits genügend Volksmusiker, die im November 1890 im Zieglerbräu den Zitherklub gründeten. Dieser Verein bestimmte in den nachfolgenden Jahrzehnten die instrumentale Hausmusik des Bürgertums, prägte das kulturelle und gesellschaftliche Leben. Bereits fünf Monate nach der Gründung gab der Zitherklub im April 1891 unter Leitung des Zitherlehrers Jakob Engelhart sein erstes Konzert im Gasthaus Kraisy. Die Zahl der damaligen Mitglieder ist unbekannt, bekannt ist nur, dass zunächst ausschließlich Männer im Club musizierten. Die ersten Musikerinnen, die Hausbesitzertochter Anna Märkl sowie die Modistin und Theaterspielerin Lina Riedl, traten erst von 1898 an bei. Von Anfang an setzte sich der Zitherklub für das musikalische Brauchtum ein und beteiligte sich 1894 an Hut-Sing-Treffen in Dachauer Gasthäusern.

Bis 1914 veranstaltete der Zitherklub 25 öffentliche Konzerte. Gespielt wurden Märsche und Polkas, Walzer, Ländler und Romanzen, also "gepflegte Gesellschafts- und Salonmusik". Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde zunächst wegen der Mitbürger an der Front das Zitherspiel auf Vereinsbasis eingestellt. Überliefert ist indes, dass im privatem Kreis weiterhin geprobt und gespielt wurde. Nach Kriegsende gab es deshalb genug junge Zitherspieler, die vorerst ihren eigenen Zitherklub "Alpenrose" im Gasthaus Kochwirt gründeten. Bald kehrte man aber wieder zu dem alten Namen zurück und traf sich im Zieglerkeller. Im September 1920 konnte ein großes Zitherkonzert aufgeführt werden, eingebunden in das Theaterstück in oberbayerischer Mundart "Auf der Kirchstein Alm". Bis 1925 sind wieder zehn öffentliche Konzerte in der Vereinschronik aufgeführt. Aufgrund der wirtschaftlichen Notlage wurden nur noch Musikproben und gesellige Treffen veranstaltet.

Ein historisches Dokument: Hedi Heres (v.l.) gemeinsam mit Vater Heinrich, Bruder Heinz Neumaier und Jakob Gschwendtner Anfang der Fünfzigerjahre.

(Foto: Zweckverband Dachauer Museen und Galerien)

Erst Ende 1930 richtete der Verein nach einem Generationenwechsel unter musikalischer Leitung von August Weinberger ein stimmungsvolles Weihnachtskonzert aus. Ein wichtiges Datum für den Zitherklub war zwei Jahre später die Begegnung mit dem Kiem Pauli im Hörhammersaal. Neben einem Rundfunkkonzert 1932 beteiligte sich der Zitherklub 1935 an der Einweihung des neuen Dachauer Rathauses. Von September 1939 an wurden wegen Ausbruch des Zweiten Weltkrieges alle Vereinstätigkeiten eingestellt. Die Wiederaufnahme der Musikproben im Vereinslokal Zum Kochwirt war im Mai 1949. Ein Jahr später veranstaltete der Zitherklub erstmals ein Hutsingen, zu dem auch der Kiem Pauli kam und das bis heute als legendär gilt. 1951 übernahm Heinrich Neumaier die Dirigententätigkeit im Zitherklub. Dessen Sohn Heinz hat gemeinsam mit Liselotte Stockinger seit 2009 die musikalische Leitung inne.

Einmal in der Woche proben etwa 20 Mitglieder auf Diskant- und Altzither sowie Hackbrett Harfe und Gitarre für ihren Auftritt. Jedes Jahr findet ein großes Konzert im Festsaal des Dachauer Schlosses statt. Zudem spielt der Zitherklub, dem derzeit 135 Dachauer angehören, einmal jährlich beim traditionellen Hoagarten und einer Maiandacht. Zum 125-jährigen Bestehen wünscht sich "der Musikverein weiterhin ein treues Publikum und möglichst viele Nachwuchsspieler für Saiteninstrumente".

Heinz Neumaier leitet den Zitherklub seit dem Jahr 2009. Er ist für das umfangreiche Jubiläumsprogramm verantwortlich.

(Foto: Jorgensen)

Die zwei Jubiläumskonzerte werden am Samstag, 14. November, um 16 und 20 Uhr im Renaissance-Festsaal des Dachauer Schlosses veranstaltet. Es wirken mit: Singgemeinschaft Wölfnitztal, Volksmusikgruppe Ogris/Dominikus, Eschenloher Sänger, Zitherklub Dachau unter Leitung von Heinz Neumaier, Sprecher Bert Lindauer.

© SZ vom 07.11.2015

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