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Musik:Beethoven unterm Apfelbaum

Solo-Oboist Ramón Ortega Quero, Tobias Vogelmann am Waldhorn und der zweite Oboist Jesús Pinillos Rivera (von links nach rechts) beglücken Klassik-Freunde.

(Foto: Toni Heigl)

Drei Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks geben ein exklusives Hofkonzert in Prittlbach

Von Gregor Schiegl, Hebertshausen

Die Bienen summen, aus dem Laub der hohen Bäume hört man Meisen zwitschern, und aus der Ferne dringt das helle Tschilpen von Schwalben. Nur selten weht der Wind ein dumpfes Motorenbrummen von der Dorfstraße heran. Einen ruhigeren Ort als den Garten der Familie Ring in Prittlbach kann man kaum finden. Man will ja auch alles genau hören, jeden Ton, jede noch so feine Nuance, wenn man endlich mal wieder Live-Musik zu Ohren bekommt, und dann auch noch Beethovens Trio C-Dur Opus 87 für zwei Oboen und Englischhorn, gespielt von drei Musikern des Bayerischen Sinfonierundfunkorchesters (BSRO), das zu den renommiertesten Orchestern dieser Republik zählt.

Für seine treuesten Abonnenten hat sich das BSRO eine besondere Form des Dankes ausgedacht: Hofkonzerte daheim, insgesamt zehn Stück. Doch Abonnenten gibt es Tausende; die Chance auserwählt zu werden, tendiert statistisch gegen null. "Ich habe die Chuzpe gehabt, zu sagen: Das probiere ich aus!", erzählt Claudia Fischbach aus Prittlbach. Vor 40 Jahren hat sich die Klassik-Liebhaberin in Edinburgh schon mal zufällig in ein Hinterhofkonzert verirrt. Und wer spielte da? Kein Geringerer als Yehudi Menuhin! "Wahrscheinlich bin ich diesbezüglich ein Glückskind", sagt sie und lacht.

Auch ihre Freundin Gerlinde Cipa aus Dachau, die immer mit Claudia Fischbach in die Konzerte geht, strahlt an diesem Nachmittag mit der Sonne um die Wette. "Ich finde es eine tolle Idee", sagt sie und bietet dem Besucher gleich ein Gläschen Sekt an. Irgendwie gehört das ja auch zum Konzert-Feeling. Selbst das Wasser wird stilvoll gereicht in langstieligen Gläsern. Die beiden Klassik-Freundinnen haben Nachbarn eingeladen, darunter auch die Familie Wallner, die als Veranstalter des Rock-Festivals "Prittlstock" als Kulturveranstalter weit über das kleine Dörfchen hinaus bekannt ist. Wer es nicht weiß: Auch "Prittlstock" entstand 2007 aus einem kleinen Gartenkonzert.

Etwa 20 Leute sind gekommen, Freunde und Bekannte. Theoretisch hätten es inzwischen 100 sein dürfen, aber weil man ja nie so genau weiß, was man in der nächsten Woche wieder alles nicht darf, hat Claudia Fischbach den Rahmen vorsichtshalber lieber etwas kleiner gehalten und in den extra großen Garten ihrer Schwester und ihres Schwagers eingeladen. Der Garten liegt am Hang, hier haben die Zuhörer Stühle aufgereiht. Wie im Konzertsaal sieht man zumeist älteres Publikum, aber auch Familien mit Kindern und einen Hund, der es sich auf dem Rasen gemütlich macht. Als Bühne bleibt den Musikern nur die schattige Ecke neben der Terrasse, auf die die Sonne knallt. Solo-Oboist Ramón Ortega Quero muss schauen, wo der Apfelbaum ihm noch genug Kopffreiheit lässt, die Zweige biegen sich unter der Last der Früchte. Jesús Pinillos Rivera ist der zweite Oboist, leger in Karohemd und Turnschuhen, und in der Mitte der hoch gewachsene Tobias Vogelmann am Waldhorn. Bevor das Trio loslegt, erklärt Vogelmann, warum dieses Hofkonzert ausgerechnet hier in Prittlbach stattfindet: "Wir wollten auch treue Abonnenten belohnen, die die Mühen auf sich nehmen, immer wieder von weiter weg zu uns kommen."

Welche Mühen das sind, erfahren die Musiker am eigenen Leib. Vor der MTU in Karlsfeld stehen sie lange im Stau. Als das Konzert mit etwas Verspätung endlich losgeht, perfekt intoniert und sanft verwoben mit den Geräuschen der Natur, entwickelt sich in dem idyllischen Garten eine intime und geradezu magische Atmosphäre. "Es gibt diese Momente, in denen es gelingt, das Publikum vollends zu erreichen", hat Tobias Vogelmann einmal gesagt, und wenn alle "nur für die eine Sache da" sind, sei dies "ein wunderbarer Moment". Diesem Moment kommt man an diesem Nachmittag schon sehr nahe. Das Publikum hungert nach Kultur. Claudia Fischbach erinnert sich noch gut an den 6. März: Im Gasteig spielten Anne-Sophie Mutter, Maximilian Hornung und Yefim Bronfman. Unter anderem stand die Ouvertüre zu "Egmont" auf dem Programm. Da ahnte noch keiner, dass es auf Monate hinaus das letzte Konzert dieser Art sein würde.

Für die Musiker des Bayerischen Rundfunksinfonieorchesters ist das ebenfalls schmerzlich, aber nicht die ganz große Katastrophe: Sie sind fest angestellt. Bei den freischaffenden Künstlern sieht es ganz anders aus. "Es ist erschreckend, wie viele es getroffen hat und wie hart", sagt Tobias Vogelmann. Und dass jetzt wieder Konzerte mit 100 Zuschauern erlaubt sind, nützt auch nicht viel. Für die Veranstalter rechnen sich solche Mini-Formate kaum.

Die Deutsche Orchesterstiftung hat deshalb einen Nothilfe-Fonds aufgelegt. Rund 2,2 Millionen Euro sind inzwischen zusammengekommen. Nicht mal ein Tröpfchen auf den heißen Stein. Gastgeberin Claudia Fischbach erinnert daran, dass nach der Automobilbranche die meisten Arbeitsplätze in Deutschland am Kulturbetrieb hingen - nur dass der eben keine so starke Lobby habe. Die Besucher geben gerne etwas für die darbende Kunst, denn spätestens bei der Zugabe, dem schmeichelnden Air von Johann Sebastian Bach aus der 3. Suite für Orchester spürt jeder, dass solche wertvollen Momente eigentlich unbezahlbar sind.

© SZ vom 07.07.2020

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