Zwei Worte, per Beamer großflächig an die Wand des Sitzungssaals im Dachauer Rathaus geworfen wie ein Menetekel. „Und jetzt?“, steht auf der Folie. Treffender lässt sich die Lage der Dachauer Galerien und Museen derzeit wohl kaum beschreiben. Nach dem Scheitern des Museumsforums sei die Zukunft der Häuser „mehr oder minder komplett offen“, sagt die Vorsitzende des Zweckverbands Dachauer Galerien und Museen, Nina Möllers.
Dass die Sache drängt, daran ließ die Museumsexpertin in der gemeinsamen Sitzung des Kulturausschusses von Stadt und Landkreis keinen Zweifel. Es gebe keine „Pause-Taste“, sagte Möllers. Jeder Tag, der verstreiche, führe dazu, dass sich die Situation „drastisch verschlechtert“. Depots und Ausstellungsräume sind nicht optimal klimatisiert, einige der insgesamt 17 000 Exponate haben bereits Schaden genommen. Das sind nur einige der akuten Probleme, die sich immer weiter verschärfen.

Dabei sah bis vor einem Jahr alles nach dem Aufbruch in eine großartige Zukunft aus. In den denkmalgeschützten Hallen der stillgelegten Papierfabrik am Fuß der Altstadt sollten die musealen Einrichtungen neu gebündelt werden, die Inhalte neu verknüpft und frisch erzählt werden. Moderner sollte alles werden, ansprechender, relevanter und bereichert um eine neue Attraktion mit überregionaler Strahlkraft: ein Arbeiter- und Industriemuseum. Doch als der Bezirk Oberbayern vor einem Jahr überraschend ausstieg, war das Vorhaben praktisch erledigt, politisch tot.
Die letzten Formalitäten zur Beerdigung des „Jahrhundertprojekts“ erledigten die Kulturausschüsse von Dachauer Stadtrat und Kreistag in einer gemeinsamen Sitzung am Montag. Per Beschluss gaben sie die Pläne für das Museumsforum auf und ebneten damit den Weg für den Austritt des Bezirks aus dem Zweckverband. Erledigt ist damit auch die Hoffnung, den massiven Sanierungs- und Modernisierungsstau der bestehenden Häuser an einem neuen Standort auf einen Schlag zu lösen.
Die Mängelliste des Zweckverbands ist lang: zu wenig Platz, zu wenig Personal, veraltete Infrastruktur. Besonders schlecht schneidet nach Möllers Analyse der Stand der Sammlungsarbeit ab. Das liegt vor allem am Bezirksmuseum. Es soll die Geschichte über das Leben im Dachauer Land erzählen. Zum Inventar gehören ein prächtiger Hochzeitswagen, Dreschflegel und alte Butterfässer, aber so gut wie kein Exponat aus dem späten 20. oder 21. Jahrhundert, nichts zur Gegenwart. Hier gibt es aus Möllers Sicht sehr viel nachzuholen: „Die Sammlung ist das Rückgrat des Museums.“
Umso schwerer wiegt der Befund, dass der Zweckverband über seine eigenen Bestände nur unvollständig im Bilde ist und sie deswegen auch nicht ideal nutzen kann. Rund 15 000 Objekte gehören zur Sammlung des Bezirksmuseums, doch nur ein kleiner Teil ist ausreichend erforscht und dokumentiert. Das liegt auch an der Geschichte dieser Häuser. Seit der Gründung des Museumsvereins 1903 wurde in Dachau gesammelt: lokalgeschichtlich wertvoll, oft mit großem Engagement, aber nicht immer nach klaren musealen Kriterien. So ergeben sich viele Lücken, Unschärfen und offene Fragen.
Besonders heikel ist das bei der Provenienzforschung. Sie sei ein „Riesenloch“, sagt Möllers. In den Sammlungen des Bezirksmuseums gibt es Objekte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Eigentümern im Zuge der „Arisierung“ geraubt wurden. Und auch die eigene Institutionsgeschichte ist nicht frei von dunklen Kapiteln: Hermann Stockmann, der 1905 an Planung und Gründung des ersten Bezirksmuseums beteiligt war, half den Nationalsozialisten bei der Sichtung geraubter jüdischer Kulturgüter. Auch mit solchen Aspekten sollen sich die Dachauer Museen künftig kritisch auseinandersetzen.
Trotz aller Defizite spricht Möllers von „sehr großen Potenzialen“ und hebt die Bedeutung der Dachauer Museen als „Bewahrer der kulturellen Erinnerung“ hervor. Für viele Jugendliche seien sie zudem „der allererste Ort“, an dem sie mit Kultur in Berührung kämen. Wer dort verschiedene Perspektiven kennenlerne, lerne auch Toleranz und Verständnis – und im besten Fall etwas, das man mit dem etwas sperrigen Wort „demokratiebildend“ beschreiben könnte.
Auch inhaltlich verfolgen Möllers und ihre Mitarbeiterinnen einen gänzlich neuen Ansatz fürs Bezirksmuseum: „Wir wollen den Menschen stärker in den Mittelpunkt stellen.“ Die einzelnen Abteilungen der künftigen Dauerausstellung sollten den „Dimensionen menschlicher Existenz“ folgen: Körper, Geist, Glaube und Beziehungen. Geschichte nicht bloß als lineare Abfolge von Ereignissen, sondern als Erfahrungsraum, der mit dem Leben der Besucher zu tun hat. Es ist, könnte man sagen, der Versuch, das Museum weniger museal zu machen.
Besonders deutlich wird dies an einem Thema, das Möllers stärker in den Vordergrund rücken will: Arbeit. „Nichts prägt unser Leben so wie Arbeit“, sagt sie. Gerade darin liegt für sie die Chance, historische Bestände mit Gegenwartsfragen zu verbinden. Handwerk und alte Arbeitstechniken sollen nicht nur gezeigt, sondern vermittelt, ausprobiert und begreifbar gemacht werden. „Verstehen durch Tun“, lautet die Devise.
Die Standortfrage ist nach wie vor ungeklärt
Stadträtin Sabine Geißler vom Bündnis für Dachau zeigte sich beeindruckt von den „tausend Ideen“ und sprach dann den wunden Punkt an, an dem die Wirklichkeit Möllers’ Vision wieder einholen könnte: wo das alles stattfinden soll. Das Einzige, was sich mittlerweile herauskristallisiert hat, ist, dass das Bezirksmuseum wohl an seinem alten Standort bleiben wird. Begeistert ist Möllers darüber nicht: viele Treppen, kleine Zimmer, niedrige Decken – das stehe ihrer Vorstellung eines „offenen Hauses“ diametral entgegen.

Eine Ideallösung werde man in dem denkmalgeschützten Bestandsgebäude sicher nicht hinbekommen, räumte Landrat Stefan Löwl (CSU) ein. Wenn man es richtig anstelle, könne es trotzdem ganz schön werden, und irgendwie müsse man ein kommunales Gebäude ja auch nutzen. Anders ist die Situation in der Gemäldegalerie. Sie gehört der Sparkasse, die Räume sind angemietet, aber zu klein und die Klimatisierung unzureichend. Ein Neubau auf dem MD-Gelände war deshalb schon im Zuge der Museumsforumspläne im Gespräch.
Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sagte, es liege nun am Zweckverband zu entscheiden, ob man eine solche Lösung anstrebe. Möllers reagierte darauf sichtlich verblüfft. Für sie liegt der Ball zunächst bei der Politik. Ohne verlässliche Rahmenbedingungen, so ihre Botschaft, lasse sich kein tragfähiges Konzept entwickeln.
Vielleicht war das der aufschlussreichste Moment dieses Abends: dass die Ideen schon erstaunlich konkret sind, die Voraussetzungen dafür aber noch ziemlich vage. Man wird noch viel zu reden haben.



