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Öffentlicher Personennahverkehr:Kreis befürwortet das Ende der Ringe

Eine S-Bahn der Linie 2 nach Petershausen.

(Foto: Toni Heigl)

Dachau stimmt für die Umsetzung der MVV-Tarifreform. Gewinner der neuen Preisstruktur nach Zonen sind die Abonnenten. Doch es gibt auch Verlierer.

Was die Tarifstrukturreform des Münchner Verkehrsverbundes (MVV) konkret bringt, zeigt Familie Tannen-Huber aus Dachau. Mutter Ursula arbeitet Vollzeit in München, wohin sie täglich mit der S-Bahn fährt. Sie hat eine Isarcard für die Ringe eins bis sechs, die 103,70 Euro kostet. Gelegentlich besucht sie auswärts ihre Eltern und kauft sich dafür im Monat etwa zwei Anschlusstickets. Vater Wolfgang ist eher der Auto-Typ. Er nimmt nur manchmal Bus und Bahn. Dafür gibt er durchschnittlich 26,70 Euro für drei Tageskarten aus. Tochter Paula geht in Dachau zur Schule, hat ein Monatsticket für einen Ring und braucht zusätzlich durchschnittlich eine Tageskarte. Insgesamt gibt Familie Tannen-Huber monatlich 182 Euro dafür aus, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B zu kommen. Vom 15. Dezember 2019 an, wenn die Reform in Kraft treten soll, sinkt dieser Betrag auf 170,40 Euro. Ersparnis: 11,60 Euro.

Familie Tannen-Huber ist nur ein Beispiel. MVV-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch wirft es im Kreistag während der öffentlichen Sitzung an die Wand, um den Politikern zu zeigen, was diese Tarifreform in seinen Augen ist: "Eine achtprozentige Preissenkung im gesamten Tarifgebiet". Und das sei "einmalig" in Deutschland. "Das hat die Republik noch nicht gesehen." Insbesondere für den Landkreis Dachau habe man "extrem viel" erreicht, sagt Rosenbusch und nennt die Gemeinde Karlsfeld, die sich fortan innerhalb der M-Zone befindet. Außerdem fielen unfaire Überlappungen und das Ringsystem weg - statt 16 Ringe gibt es fortan nur noch sieben Zonen.

Ergebnis harter Verhandlungen

Die Kreisräte sehen das bei ihrem letzten Zusammenkommen vor Weihnachten zwar nicht ganz so euphorisch wie der MVV-Chef, aber ähnlich. Alle stimmen für die Umsetzung der Strukturreform. Damit hat der Landkreis Dachau als einer der acht Verbundlandkreise sein Okay gegeben. Der endgültige Beschluss steht unter Vorbehalt der Zustimmung aller anderen Landkreise und der Entscheidung des Landtags zum Doppelhaushalt für 2019 und 2020.

Die Tarifreform ist das Ergebnis von harten Verhandlungen, die dreieinhalb Jahre dauerten. Nachdem Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Landtagswahlkampf völlig überraschend die Bereitschaft des Freistaates signalisierte, den MVV zu bezuschussen, konnten sich das Land, die Stadt München und die acht Landkreise auf die Finanzierung der Reform einigen. Gutachter rechnen damit, dass der MVV von Dezember kommenden Jahres an 70 Millionen Euro weniger einnehmen wird. Einen Großteil des Betrages wollen der Freistaat und die Stadt München ausgleichen. Im Landratsamt geht man davon aus, dass sich der Landkreis im schlimmsten Fall mit 662 000 pro Jahr beteiligen muss.

Deutliche Veränderungen

Die deutlichsten Veränderungen im Landkreis Dachau betreffen die Tarifzonen und die Preise. Alle Kommunen liegen zwischen der M-Zone und der "M+5-Zone", Karlsfeld befindet sich sogar in der M-Zone. Wichtig ist dabei, dass alle Ortsteile mit ihrer Hauptgemeinde in einer Tarifzone sind. Das heißt, die Kommunen Altomünster, Petershausen, Erdweg, Markt Indersdorf, Vierkirchen, Schwabhausen, Haimhausen, Dachau und Karlsfeld werden nicht mehr von Tarifgrenzen durchschnitten. Hier entstehen jeweils großzügige Übergangsbereiche. Momentan liegt zum Beispiel Dachau Bahnhof im sechsten Ring, Dachau Stadt aber im siebten. Mit der Reform verschwindet die Einteilung in Ringe. "Es ist einfacher und dadurch günstiger geworden", sagt Rosenbusch.

Freuen können sich alle, die mit einer Monatskarte fahren. Wer etwa von Dachau nach München pendelt, zahlt von Dezember kommenden Jahres an 88,90 Euro monatlich und spart sich 14,80 Euro im Vergleich zu heute, das entspricht einem Minus von 14 Prozent. Eine ähnliche Ersparnis haben Pendler, die täglich von Petershausen nach München wollen. Ihre Isarcard kostet 162,40 Euro statt bisher 175,10 Euro (Minus sieben Prozent). Beim Abo senke sich der Preis in fast allen Bereichen, sagt MVV-Geschäftsführer Rosenbusch. Doch er räumt auch ein: "Bei jeder Reform gibt es Verlierer. Und das ist der Tageskartennutzer."

Preissteigerung bei Tageskarten

Hier steigt der Preis teilweise erheblich. Wer etwa von Hebertshausen in die Münchner Innenstadt will, für den wird die Tageskarte um 60 Cent teurer. Noch deutlicher ist die Preissteigerung, wenn man mit der S-Bahn von Hebertshausen nach Dachau fährt. Derzeit kostet eine Tageskarte 6,70 Euro. Ab dem 15. Dezember 2019 dann 7,80 Euro. Für eine Tageskarte von Petershausen nach Dachau schlägt der MVV sogar 33 Prozent oben drauf.

Rosenbusch ist bewusst, dass einige Kunden das kritisch sehen werden. Gleichwohl sagt er: "Es ist ein politisches Ziel des Freistaates, mehr Menschen in den Bus und Bahn zu bekommen." Daher stärke man das Abo im Vergleich zur Tageskarte. Landrat Stefan Löwl (CSU) weist daraufhin, dass dafür die Streifenkarte attraktiver werde. Schließlich bleibt diese preislich stabil. Laut Kreisverwaltung führt vor allem die Sieben-Zonen-Logik zu geringeren Preissprüngen und feineren Abstufungen.

Alle Fraktionen stimmen zu

Alle Fraktionen im Kreistag begrüßen die Reform. Wolfgang Offenbeck (CSU) sieht eine "Vereinfachung für die Nutzer". Die "Probleme mit der Überlappung" fielen weg. So könne man manche Preishärte abmildern. Michael Reindl (Freie Wähler) freute sich über die Einführung des Sozialtickets. Diese neue verbundweit gültige "Isarcard S" kostet für eine Zone im Umland 26,90 Euro und bis zu 53 Euro für das Gesamtnetz. Das Sozialticket bekommt jeder, der laufende Hilfe zum Lebensunterhalt, Grundsicherung, Arbeitslosengeld, Sozialgeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht. Um den für das Sozialticket notwendigen Landkreispass auszustellen, benötig die Kreisverwaltung eine zusätzliche Stelle im Bereich Sozialwesen. Einstimmig beschlossen die Mitglieder des Kreistages, diesen Posten auszuschreiben.

Für Löwl ist das neue Tarifsystem nur "ein Baustein von vielen", um den öffentlichen Personennahverkehr zu verbessern. So sieht das auch Rosenbusch. Er sagt: "Der beste Tarif bringt nichts, wenn die S-Bahn nicht kommt."

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