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Zero Waste:"Es ist befreiend, wenn man den ganzen Müll aus seinem Leben entfernt"

Ein überfüllter Erchana-Saal im Dachauer Ludwig-Thoma-Haus.

(Foto: Toni Heigl)

Die Dachauer interessieren sich offenbar sehr für das Thema Abfallvermeidung. Bei einem Vortrag der Bloggerin Manuela Gaßner ist der Saal im Ludwig-Thoma-Haus überfüllt.

Von Anika Blatz, Dachau

Wo sich früher noch unzählige bunte Plastikflaschen häuften, herrscht nun Übersicht im Regal mit den Putzutensilien. Es gibt genau vier Substanzen, die Manuela Gaßner zur Reinigung im Haushalt noch braucht: Essig, Natron, Salz und Seife.

Sie kauft die Seife unverpackt, Salz und Natron nicht in plastikumhüllten Kleinstgebinden, sondern in großen Kartonverpackungen, den Essig lässt sie sich im Laden in eine mitgebrachte Glasflasche abfüllen. So handhabt sie das nicht nur bei ihrem Reinigungssortiment, so geht sie seit vier Jahren durchs Leben. Intensiv hat sich die gelernte Agrarwissenschaftlerin mit der Vermeidung von Müll beschäftigt. Heute produziert sie mit ihrer fünfköpfigen Familie gerade einmal ein bis zwei Säcke Plastikmüll pro Jahr.

Großer Andrang im Ludwig-Thoma-Haus in Dachau

Das macht neugierig. Und so drängen sich am Freitagabend rund 200 Interessierte aller Altersgruppen in den Erchana-Saal des Ludwig-Thoma-Hauses in Dachau, um dem Erfahrungsbericht von Autorin und Bloggerin Manuela Gaßner mit dem Titel "Zero Waste - täglich ein bisschen weniger Abfall" zu lauschen und sich Anregungen zum Thema Müllvermeidung zu holen. Auch Lokalpolitiker ließen sich blicken, unter ihnen der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD).

Die Autorin und Bloggerin Manuela Gaßner führt durch den Vortrag.

(Foto: Toni Heigl)

Gerechnet hatte mit der großen Resonanz niemand. Der für 170 Besucher ausgelegte Saal wurde kurzerhand nachbestuhlt, wer keinen Sitzplatz ergattern konnte, nahm auf den seitlichen Fensterbänken Platz. "Wir sind überwältigt von der Menge", begrüßte Sarah Schneider die Zuhörer. Sie ist eine von fünf Dachauern, die die Initiative Zero Waste Dachau mit Unterstützung des Bundes Naturschutz Dachau und der Umweltstiftung der Sparkasse im September gegründet haben.

Die Initiative Zero Waste Dachau will Abfall vermeiden

Der Ursprung der nach Nachhaltigkeit strebenden "Null Müll"-Bewegung reicht ins Jahr 2002 zurück. Das unter dem Namen Zero Waste International Alliance formierte Bündnis setzte sich damals zum Ziel, Abfall zu vermeiden und Rohstoffe nicht zu vergeuden. 26 Kilogramm Verpackungs- und 79 Kilogramm Papiermüll produziert jeder Dachauer durchschnittlich pro Jahr, ergibt die Nachfrage bei der ebenfalls mit einem Infostand vertretenen kommunalen Abfallwirtschaft des Landratsamtes.

Für Sarah Schneider und ihre Mitstreiter höchste Zeit, etwas zu verändern und auch in Dachau einen Ableger der Bewegung ins Leben zu rufen. "Wir sind alle noch keine Zero-Waste-Profis. Deshalb haben wir heute zu unserer ersten großen Veranstaltung einen eingeladen", stellt sie Manuela Gaßner, die schon mehrere Bücher zum Thema verfasst hat, vor. Von der Expertin aus Freising erhoffen sich die Initiatoren Antworten auf die Fragen: Wie bewältigen wir den Müll? Ist Müllvermeidung teuer, zeitaufwendig, kompliziert oder gar asketisch? Und ist eine konsequent gelebte Abfallreduzierung im Alltag neben Familie, Freunde und Beruf überhaupt realistisch?

"Die Leute denken immer, das hat was mit Verzicht zu tun. Ich empfinde es als Bereicherung. Es ist befreiend, erleichternd und macht ziemlich zufrieden, wenn man den ganzen Müll aus seinem Leben entfernt und damit jeden Tag etwas für sich, seine Kinder und die Umwelt macht", stellt Manuela Gaßner zu Beginn ihres rund eineinhalbstündigen Vortrags fest und greift dann das Thema Kunststoff auf.

Die zufriedenen Organisatoren des Abends.

(Foto: Toni Heigl)

Das Problem sei nicht, dass Plastik existiere, sondern dass es immer mehr davon gebe und nicht recycelt werde. Wer glaube, das durch exzessiven Plastikverbrauch entstandene Problem mit der Mikroplastik betreffe nur die Lebewesen der Weltmeere, irre. Längst existiere dieses Dilemma direkt vor der eigenen Haustür, in heimischen Gewässern. Sie habe Freunde, die mit ihrem Boot alle ein bis zwei Monate die rund 60 Kilometer lange Moosach rauf- und runter schipperten, um aus dem Nebenfluss der Isar stets aufs Neue Unmengen von Plastik und anderen Unrat zu fischen, damit nicht Schwäne, Enten, Fische und andere Wassertiere daran zugrunde gingen.

"Mit der Müllvermeidung sollte man klein starten und sich dann Schritt für Schritt vorarbeiten"

Durch die Schnelllebigkeit unseres Konsumverhaltens produzierten wir immer mehr Abfall, sagt die Bloggerin Gaßner. Fertiggerichte, To-Go-Becher, Singleverpackungen, Online-Versand - alles Faktoren, die uns in Müll ersticken ließen. "Es gibt derzeit zwei Bewegungen: Überkonsum und Menschen, die gegensteuern wollen", sagt Gaßner. Letzteren rät sie, sich bei der Umstellung Zeit zu lassen: "Mit der Müllvermeidung sollte man klein starten und sich dann Schritt für Schritt vorarbeiten." Entweder man wähle eine bestimmte Verpackung aus und versuche diese ab sofort zu vermeiden oder man nehme sich Bereich für Bereich vor. Es gehe nicht darum, überhaupt keinen Abfall mehr zu produzieren, sondern diesen zu reduzieren. Etwa statt im Tetra Pak die Ware in Mehrwegflaschen kaufen. Wer sich statt kleinen Mengen eine Großvorrat an unverderblichen Lebensmitteln anlege, spare Plastikmüll. Sie habe beispielsweise einen 18-Kilo-Sack Reis zu Hause stehen.

An den Ständen des Ideenmarkts können sich die Besucher informieren.

(Foto: Toni Heigl)

Auch beim Metzger oder an der Frischetheke könne man problemlos Verpackungsmaterial einsparen, indem man sich Fleisch, Wurst und Käse in mitgebrachte Dosen legen lasse. "Manche Metzger wehren sich noch. Lassen Sie sich nicht entmutigen, fragen Sie weiter. Es wird leichter. Das war bei mir am Anfang auch ein Problem und mittlerweile lässt sich in ganz Freising so einkaufen", ermuntert sie die Zuhörer. Kaffeeliebhabern, die Abfall vermeiden und zudem Geld sparen wollen, legt sie ans Herz, auf teure Alukapseln oder Kaffeepads zu verzichten.

Wer seinen Lebensraum lieber nach Bereichen von Plastik befreien möchte, solle diese zunächst kategorisieren und dann beginnen. In der Küche rät sie zu nachhaltigen Materialien: "Auch wenn Holz, Glas und Metall in der Anschaffung erst mal teurer sind als Plastik, werden sie sich langfristig aufgrund ihrer Langlebigkeit amortisieren." Begeistert reagierten die Anwesenden auf eine Alternative zum herkömmlichen Waschmittel: "Sammeln Sie im Herbst Kastanien, vierteln Sie diese und trocknen sie. Dann haben Sie das ganze Jahr über ein natürliches Reinigungsmittel für Ihre Wäsche."

Manuela Gaßner schließt mit einem Aufruf: "Werden Sie aktiv. Gründen Sie Vereine, Projekte, Initiativen. Initiieren Sie Gemeinschaftsgärten, Foodsharing, Kleidertausch, Bücherschränke, beteiligen Sie sich am Ramadama." Die Besucher zeigen sich begeistert: "Der Vortrag war super", sagt die 22-jährige Anna Ernst aus Dachau. "Sie hat praktikable Möglichkeiten der Müllvermeidung aufgezeigt." Die 25-jährige Noemi Nedelčev sagt: "Ich finde es ganz toll und wichtig, dass es so eine Initiative auf regionaler Ebene gibt. Sich mit dem Thema zu befassen, ist salonfähig geworden." Die von Gaßner versprochene Zufriedenheit scheint bei den Dachauern bereits angekommen zu sein.

© SZ vom 14.05.2019
Praktische Tipps zur Müllvermeidung

Manuela Gaßner gab im Rahmen ihres Vortrags zahlreiche praktische Tipps zur Müllvermeidung:

Lebensmittel: Statt im Tetra Pak oder in Plastikbechern sollte Milch, Sahne, Joghurt und dergleichen in Mehrwegflaschen gekauft werden. Anstelle von verpacktem Obst und Gemüse kann man sich frische Lebensmittel auch unverpackt in Biokisten liefern lassen. Alternativ lassen sich lose Lebensmittel in aus alten Gardinen genähten Beuteln verstauen. Trockenwaren wie Reis und Korn gibt es müllsparend in großen Gebinden zu kaufen. Zudem existieren in vielen Städten und Gemeinden bereits Unverpackt-Läden, in denen man abfallfrei einkaufen kann. Wer diese Möglichkeit nicht hat, sollte stets eine Stofftasche bei sich haben. Darin lassen sich beispielsweise Backwaren hervorragend transportieren. Fleisch, Wurst und Käse kann man sich beim Metzger oder an der Frischetheke in mitgebrachte Dosen legen lassen. Statt aus Einwegflaschen sollte man besser Leitungswasser trinken. Selbst angebauter Tee kann getrocknet und in Einmachgläsern aufbewahrt werden. Statt Kaffee in Alukapseln oder Pads zu kaufen, Filter oder wieder befüllbare Kapseln oder Pads verwenden.

Bad und Pflege: Wer seine Zähne bisher mit einer Plastikzahnbürste geputzt hat, kann diese durch eine mit Holzgriff und Naturborsten ersetzen. Durch die Verwendung von Haarseife kann auf Shampoo in Plastikflaschen verzichtet werden. Salz als Scheuermittel für eine strahlende Haut ersetzt Lotionen mit Mikroplastik.

Putzen und Waschen: Statt zahllose chemische Keulen in bunten Plastikflaschen zu horten, reicht es für die tägliche Reinigung Essig oder Zitronensäure, Natron oder Waschsoda und unverpackte Seife vorrätig zu haben. Waschmittel kann man übrigen ganz leicht selbst herstellen: Pro Waschladung vier geviertelte Kastanien über Nacht in einem mit 200 Milliliter Wasser gefüllten Glasgefäß einlegen. Die in der Kastanie enthaltenen Stoffe bilden eine seifige Flüssigkeit. Diese ins Waschmittelfach geben und los geht's.

Wer mehr zum Thema Müllvermeidung wissen will: Die Initiative Zero Waste Dachau trifft sich regelmäßig zum Stammtisch. Der nächste findet am Dienstag, 21. Mai, statt. Weitere Infos hierzu gibt es auch auf deren Facebook-Seite von Zero Waste. blani

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