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Nachruf:Er hätte Dachau ein Freund sein können

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Moshe Tal.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Moshe Tal ist mit 81 Jahren in Rehovot gestorben. Der Holocaust-Überlebende warb vergeblich für eine Kooperation mit dem Amperklinikum.

Im Netz sind kaum Spuren von Moshe Tal zu finden - das ist nicht verwunderlich, weil der Mann aus Rehovot von sich kaum Aufhebens machte, auch nicht von seinen großen Verdiensten als hoher Beamter im israelischen Staatsdienst. Israel bedeutete ihm alles. Er hat die militärischen Erfolge erlebt, den Unabhängigkeitskrieg 1948, den Sechstagekrieg 1967 und den Jom-Kippur-Krieg 1973 - und in den letzten Jahren wuchs angesichts der immer wieder gescheiterten Friedensprozesse seine Sorge um die Zukunft des Landes. Moshe Tal ist am Montag im Alter von 81 Jahren in Rehovot gestorben. Den Israeli Abba Naor, Mitglied im Internationalen Dachau-Komitee und Stiftungsrat der bayerischen Gedenkstättenstiftung, hat die Nachricht in München ereilt. Er ist erschüttert: "Mein letzter Freund ist gestorben."

Ein Umstand macht dem 88 Jahre alten Abba Naor den Abschied von seinem Freund noch schwerer. Wie er war Moshe Tal ein Holocaust-Überlebender. Er reichte Dachau, der Stadt des nationalsozialistischen Lagerterrors, die Hand. Mit Abba Naor hatte er 2012 eine Partnerschaft zwischen dem Amperklinikum und dem Kaplan Medical Center in Rehovot auf den Weg gebracht. Nach einem wunderbaren Auftakt-Konzert im Dachauer Schloss im Mai 2013 geschah - nichts mehr.

Der Dachauer Förderverein aus Klinikpersonal und CSU-Politikern ist, bevor er noch richtig Fahrt aufnahm, eingeschlafen. Inzwischen übernahm Helios die Amperkliniken AG, ein Konzern, dem die deutsch-israelische Aussöhnung nicht mehr als folgenlose Ankündigungen Wert war. Landrat Stefan Löwl (CSU) bewirkte als Aufsichtsratsmitglied - der Landkreis hält 5,1 Prozent der Klinikanteile - nichts, und der Kreistag stürzte sich auf eine Partnerschaft mit dem Landkreis Oświęcim.

Eine verpasste Chance

Blamabel wie die Kreispolitik sich aus der Sache davonschlich - und fast schon ungehörig, wie man einen Moshe Tal (und auch Abba Naor) behandelte, jedoch auch aufschlussreich, was von dem ganzen Gerede um Erinnerung und Versöhnung zu halten ist. Moshe Tal hatte es nun wirklich nicht nötig, ausgerechnet auf Dachau zuzugehen. Viele Jahre war er im Vorstand des Freundeskreises des Kaplan Medical Center, einer der führenden Kliniken in Israel, engagiert und einer der aktivsten Förderer. Bis zuletzt beschäftigte ihn aber die gescheiterte Klinikkooperation. Sie wäre vor allem für Dachau eine Chance gewesen. Die Stadt trägt für das Scheitern keine Verantwortung - hat aber den Schaden.

Warum hat Moshe Tal Dachau überhaupt die Hand gereicht? Vielleicht lag es daran, weil er mehr als andere die bedrückenden Zeichen von Europas Niedergang zu lesen verstand und Verständigung dagegen setzen wollte. Er hat schon einmal eine Zeit des Hasses erfahren: Als Kind überlebte er in Frankreich in Verstecken nur knapp den Massenmord an den europäischen Juden. Lange Jahre war er nach dem Zweiten Weltkrieg für die Jewish Agency in der ganzen Welt unterwegs.

Sensibler Beobachter

Zu persönliche Fragen ließ er aber mit einem feinen Lächeln an sich abgleiten. Moshe Tal war eher ein ernster Mann, der sich selbst zurückhielt, aber die Menschen und seine Umgebung genau studierte. So haben ihn auch die Dachauer kennengelernt. Über den damaligen Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) sagte er: "Mit dem kann man Pferde stehlen."

Moshe Tals Frau, sein Sohn und seine Tochter erwarten zur Beerdigung am Mittwoch, 8. März, Hunderte von ehemaligen Weggefährten. Sie behalten ihn in Erinnerung als klugen, analytisch denkenden Kopf, der viele knifflige Situationen gemeistert hat. Auch über seinen Humor und seine Schlagfertigkeit werden sie sprechen - und darüber, dass er einen Freund nie im Stich gelassen hat.