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Mitten in Karlsfeld:Entdeckungen in Klein-Amerika

Lange dachte man, die politischen Probleme der USA seien weit weg. Doch dann sieht man auf einem Spaziergang eine Fahne mit der Aufschrift "Trump is still my President"

Kolumne von Walter Gierlich

Feind, Todfeind, Parteifreund!" Warum noch mal fällt einem dieses Zitat der christsozialen Partei-Ikone Franz Josef Strauß ausgerechnet jetzt ein? Natürlich weil die Chefs der beiden Schwesterparteien CDU und CSU momentan einen Wettkampf um den Posten des Kanzlerkandidaten austragen. Oder, wie Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch am vergangenen Freitag im Bundestag optimistisch meinte, um den Posten eines Oppositionsführers. Bisher ist der Streit zwischen Markus Söder und Armin Laschet noch nicht so weit aufgeflammt, dass die Straßen der Bundesrepublik mit deren Konterfei auf Wahlkampfplakaten geschmückt wären.

Diese Art von Ortsverschönerung kommt noch früh genug, wenn sich irgendwann endlich auch die Unionsparteien auf einen Spitzenmann geeinigt haben. Dann kämpfen sie halt wirklich gegen die politischen Gegner und nicht mehr gegen die Parteifreunde. Und hoffentlich nicht mit solch rabiaten Mitteln und undemokratischen Methoden, wie wir sie im vergangenen Jahr bei den Präsidentschaftswahlen in den USA erlebt haben. Glücklicherweise sind ja die Vereinigten Staaten mit ihrem tiefen Graben zwischen den verfeindeten Lagern Tausende von Meilen entfernt. Glaubt man zumindest im beschaulichen Karlsfeld.

Bis man sich auf einen kleinen Spaziergang durch die nahegelegene Siedlung an der Fasanenstraße begibt, während man darauf wartet, dass in der Autowerkstatt bei Schneetreiben die Sommerreifen aufgezogen werden. Und dort, oh Schreck, fällt der Blick auf eine riesige Fahne, befestigt an einer Hausfassade: "Trump 2024" ist darauf in unübersehbaren Lettern zu lesen. Man schluckt erst einmal ungläubig, hält es für gelungene Satire. Hier ist schließlich Karlsfeld in Bayern, nicht ein Charlesfield in Texas oder Florida. Dann trifft das Auge auf ein zweites Stück Stoff, das daneben hängt mit dem Slogan: "Trump is still my President". Karlsfeld schon Klein-Amerika? Da kann man nur hoffen, dass nach dem High Noon zwischen den Unionspolitikern Söder und Laschet die Anhänger des Unterlegenen ihre Häuser nicht mit Sprüchen verzieren werden, die ihren Favoriten weiterhin hartnäckig zum rechtmäßigen Kandidaten erklären. Im August und September vor der Bundestagswahl reicht es, wenn ein Unionskandidat Deutschlands Straßenränder schmückt. Neben den Bewerbern der Konkurrenz.

© SZ vom 19.04.2021
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