Süddeutsche Zeitung

Mitten in Karlsfeld:Attraktion nach römischem Vorbild

Um ein Aquädukt zu sehen, reisen viele weit. Nur die Karlsfelder müssen das nicht, sie haben eins vor der Haustür - wenn auch nicht mehr lange

Von Walter Gierlich

Bereits im alten Ägypten und im assyrischen Reich hat es Aquädukte gegeben. Doch von diesen ist kaum mehr Etwas zu sehen. Daher sind es die noch erhaltenen Bauwerke zum Transport von Wasser, welche die Römer errichtet haben, die heute Jahr für Jahr Millionen von Touristen anlocken und entzücken. Eine Ausnahme bildet natürlich das Pandemie-Jahr 2020, in dem der Pont du Gard in Südfrankreich oder die Aqua Claudia bei Rom eben nicht von Reisenden überrannt und tausendfach fotografiert wurden. Reisen war ja wegen Corona in den vergangenen Monaten kaum möglich.

Aber wer einen Aquädukt sehen und ablichten wollte, musste im abgelaufenen Jahr nicht weit fahren. Es reichte ein kurzer Spaziergang oder eine Radltour in die Karlsfelder Gartenstraße. Die ist bekanntlich nicht nur eine Hauptverkehrsader der zweitgrößten Landkreisgemeinde, sondern auch dank des daran liegenden Rathauses, des Heimatmuseums und eines Einkaufszentrums ein enormer Anziehungspunkt für viele Menschen. Und hier, kurz vor dem hinteren, ruhigeren Ende, wurde im Herbst ein Aquädukt gebaut.

Zugegeben, mit dem römischen Bauwerk, das sich mit drei Stockwerken über den Fluss Gard in der Provence spannt, war die neue Karlsfelder Sehenswürdigkeit nicht ganz zu vergleichen. Hatten die Architekten im ersten Jahrhundert nach Christus noch massive Steine zum Bau benutzt, so griff man in Karlsfeld 2000 Jahre später auf modernere Materialien und schlichtere Formen zurück: statt steinerner Bögen stählerne Streben, statt wuchtiger, in die Kalksteinquader gehauene rechteckige Gerinne schlanke Stahlrohre. Dieses futuristisch anmutende Brückenbauwerk, man muss es leider eingestehen, diente anders als jenes in Südfrankreich, auch nicht der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. Vielmehr war sein Zweck nur die Ableitung von Grundwasser aus einer Baugrube an der von der Gartenstraße abzweigenden Ludwig-Thoma-Straße.

Offenbar mögen die modernistischen Formen dieses Aquädukts nicht überall auf Applaus gestoßen sein, so dass er ein Geheimtipp blieb, statt fotografierende Menschenmassen anzuziehen. Naja, schließlich wussten schon die Römer: "De gustibus non est disputandum - über Geschmack lässt sich nicht streiten." Daher muss es nicht weiter erstaunen, dass bereits unmittelbar nach Beginn des neuen Jahres mit dem Abbau begonnen wurde und Karlsfeld nun nach wenigen Wochen um eine Sehenswürdigkeit ärmer ist. Aber schade ist schon.

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Quelle:
SZ vom 04.01.2021
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