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Mitten in Hebertshausen:Der Herrgott sieht alles

Wer seine alte Mikrowelle, Düngemittel oder die ein oder andere Plastikpalme ordnungsgemäß entsorgt, hat an der Himmelspforte nichts zu befürchten

Von Benjamin Emonts

Der Herrgott sieht alles. Dieser Satz klang schon als Kind wie eine Drohung. Die Nachricht dahinter war einem sonnenklar: Wenn du böse bist, wird der liebe Gott dich bestrafen. Im schlimmsten Fall führten die Sünden am Himmelseingang direkt auf die Abzweigung in Richtung Hölle. Dort wartet bereits der Teufel mit seinen roten Hörnern, überall lodern Flammen und es ist wahnsinnig heiß. Spätestens jetzt würde man seine Taten bereuen: Welch ein Frevel, dass man sein Zimmer nicht aufgeräumt hat.

Mit zunehmendem Alter sieht man das alles deutlich entspannter, vermutlich auch deshalb, weil man nicht mehr zum Beichten muss, wie damals in der Grundschule. (Das Problem war seinerzeit: Es gab nicht wirklich etwas zu beichten, außer dass man die Schwestern oder die Eltern geärgert hat.) Als Erwachsener begeht man kleinere Sünden, ohne sich von oben oder vom Nikolaus beobachtet zu fühlen. Doch manchmal erinnert man sich an das Beobachtet-Sein zurück, beispielsweise am Friedhof der Filialkirche St. Georg in Hebertshausen. Dort hängt am Container für Kompost ein Hinweisschild der Gemeinde, das die Friedhofsbesucher davon abhalten soll, Unrat mit Kompostierbarem zu verwechseln. Die Inschrift lautet: "Bitte beachten, der liebe Gott sieht alles." Genau genommen ist diese Warnung vorm Herrgott, dem Wächter über die Natur, zu begrüßen, denn Umweltschutz erfordert besondere Maßnahmen. Zum Kompostmaterial zählen laut dem Hinweisschild ausschließlich Topfblumen, Schnittblumen, Grünschnitt und Blumenerde. Soll heißen: Düngemittel, Kerzenreste oder Primeln aus Plastik haben dort nichts verloren. Wenn der Herrgott gerade nicht aufpasst, achtet auch sein Abgesandter, der Friedhofswärter, darauf, dass alle fromm bleiben. Am besten ist man ohnehin gut zur Natur. Dann hat man am Ende nichts zu befürchten an der Pforte zum Himmel.

© SZ vom 25.02.2021
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