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Mitten in Erdweg:Echte Helden rosten nicht

Während für viele bereits der Ritt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Abenteuer wird, startet der Eisenkurt aus Erdweg einen Weltrekordversuch

Glosse Von Gregor Schiegl

Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet, von rühmenswerten Helden, großer Kampfesmühe, von Freuden und Festen, von Weinen und Klagen. So war das bei den alten Nibelungen, bei Ute und Gunther, bei Kriemhild und dem wackeren Siegfried, der in Drachenblut badete und sagenhafte Goldschätze aufhäufte. Und was horten wir heute so? Nudeln, Klopapier und FFP2-Masken und statt mit Drachenblut tunkt man seine Hände in Desinfektionsmittel, die einen immer dünnhäutiger werden lassen. Welche ungeahnten Dimensionen der Langeweile wir inzwischen erreicht haben, sieht man schon daran, dass solitäres Sofafläzen inzwischen als Großtat gilt und das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel als todesmutiges Abenteuer.

Doch schon will man einen Abgesang auf das Ende der rühmenswerten Helden anstimmen, tritt der Eisenkurt auf den Plan. Schon der Name hat die Wucht eines Vorschlaghammers. Man denkt sofort an Götz von Berlichingen, den Ritter mit der Eisernen Faust. Wer den Eisenkurt aus Erdweg nicht kennt, und wer kennt ihn nicht, ist ein Recke von bald siebzig Jahren. In jahrzehntelangem beinhartem Training hat er sich aus Muskelmasse und Willen zu einem Übermenschen geformt, der unglaubliche Dinge vollbringt. Mit zähen 62 Jahren verdrosch er ein Schlagpolster mit 23 150 Boxschlägen in der Stunde. So ward das arme Ding noch von keinem Menschen je zuvor verprügelt worden.

Schon bald wird man von weiteren wunderbaren Taten Kunde bekommen, nämlich im Fernsehen. Kurt Köhler, so heißt der Eisenkurt mit bürgerlichem Namen, startet einen neuen Weltrekordversuch: 1700 Kniebeugen will er vollführen mit einem 90 Kilogramm schweren Rucksack auf dem Buckel und das alles in weniger als einer Stunde. Unsereins, vom Muskelschwund des Homeoffice geschwächt, geht schon die Puste aus, wenn er nur drei Packerl Klopapier in den ersten Stock schleppen muss. Der Eisenkurt ist aus ganz anderem Holz geschnitzt, wie man sich in der BR-Fernsehsendung "Heimat der Rekorde" am Montag, 25. Januar, von 20.15 Uhr an selbst überzeugen kann. Das Team von "Heimat der Rekorde" wird darin auch den Weltrekordhalter im Rückwärtsfahrradfahren-und-dabei-Akkordeon-Spielen vorstellen. Er ist beheimatet in Beutelsbach, Landkreis Passau, wo der Corona-Inzidenz-Wert über 200 liegt. Deshalb dürfte er derzeit nicht weiter als 15 Kilometer rückwärtsradeln, aber Akkordeonspielen kann er so lange, wie er will. Genau hier liegt der springende Punkt: Man muss wollen können. Wir Weicheier trösten uns damit, dass wir ja gar nicht unbedingt wollen müssen.

© SZ vom 20.01.2021
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