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Mitten in der Region:Reich mir die Hendl

Auch in dieser schweren Zeit gibt es sie noch: die kleinen Momente unbeschwerter Freude. Bezeichnend allerdings, wenn selbst diese mit Bauchweh quittiert werden

Kolumne von Korbinian Eisenberger

Wo sind die Momente der Freude? Die aufregenden Abweichungen von der Normalität? Ist dies überhaupt noch möglich, wenn gefühlt und faktisch so vieles den Bach runter geht? Corona, Kurzarbeit, Kündigungen, Konkurse, Grenzkontrollen. Der Reisende ist beschränkt - und nicht einmal die Gedanken sind frei: Angesichts der beschämenden Bilder von Lesbos - wer kann sich da noch guten Gewissens auf eine Strandinsel hinfort wünschen?

Ehe hier Flüche der Karibik aufgezählt werden, kommt es zu einer dieser zuletzt rar gewordenen Besuche einer Kreisstadt im Osten von München. Zumindest ein bisserl Abweichung vom öden Schreibtisch dahoam. Fahrt von Haidhausen nach Ebersberg, zum hygienisch astreinen Termin im berühmten Forst. Von dort geht es, Mittwoch sei Dank, direkt zum Ebersberger Wochenmarkt. Als wäre nichts gewesen, halbiert der Imbissmann wie immer stoisch seine Hendl und reicht das Mittagsmahl verpackt in Papier. Am Abend kurz vor Sonnenuntergang steht er immer noch da. Weit entfernt von Kurzarbeit grillt er vor sich hin.

Die zündende Idee: Der Mittagsschmaus muss mit einer zweiten, abendlichen Einkehr am Ebersberger Hendl-Stand garniert werden. Das ist sie endlich, die lang ersehnte Abweichung vom Normativ. Quittiert wird der geniale Schachzug mit Bauchweh. Die schwere Verdaulichkeit dieser Zeit gewinnt trotz geistiger Rebellion wieder Oberhand. Dennoch war er da, dieser schöne Moment, von dem ein ewiger Rekord bleibt: zwei an einem Tag. Zwei halbe Hendl, um ein halbes Jahr Home-Office kurz vergessen zu machen.

© SZ vom 22.09.2020
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