Mitten in der Region:Braunbär in Stoiberstadt

Lesezeit: 2 min

Warum die Polizei in Wolfratshausen auf Großwildjagd gehen musste

Glosse Von CLAUDIA KOESTLER

Es gehört wohl zur Natur der Sache, dass gerade im Spätherbst so manche Sicht getrübt ist. Wenn die Nebel wallen, tauchen Einzelheiten nur noch schemenhaft auf. Und wenn sich weiße Schleier über den Grund legen, verwandelt sich so manches Feld zu einer Spielwiese für Ungeheuer. Doch Halloween ist bekanntlich vorbei, der erste April sowieso, und so trat eine Meldung, welche die Polizei kürzlich verschickt hat, sofort das Kopfkino und das nervöse Zucken los: "Braunbär in Wolfratshausen gesichtet".

Du meine Güte, durchfährt es einen, hat es also einen Meister Petz tatsächlich noch weiter in den Norden getrieben als einst den legendären Bruno! Und ausgerechnet bis in den Landkreis Wolfratshausen, also direkt in die Wohnstätte jenes ehemaligen Ministerpräsidenten, der doch 2006 den italienischen Einwanderer am Brauneck zum Problembären erklärt hatte. Kommt nun der Konfliktbär am Bergwald? Sollte man vielleicht schnell eine Blaskapelle vor Stoibers Haus aufspielen lassen, um ihn von der Nachricht abzulenken und um dem Wildtier zur Flucht zu verhelfen?

Wie überhaupt konnte der Braunbär die Strecke bewältigen? Vielleicht über die Isar, weil es heuer aufgrund der ausgefallenen Flößertouren so viel ruhiger war? Fragen über Fragen, welche die Finger schon ganz nervös zucken lassen, während man die weiteren Zeilen der Polizeibeamten verschlingt: "Am 16. November 2021 gegen 9 Uhr ging bei der Polizei Wolfratshausen die Meldung einer Pkw-Fahrerin ein, dass sich kurz nach dem Ortsausgang Wolfratshausen in Fahrtrichtung Eurasburg rechts neben der Wiese ein Braunbär befinden soll. Die Dame gab an, dass der Bär auf allen Vieren etwa 150 Zentimeter groß sei."

Die Polizei verständigte daraufhin jedoch nicht den Ex-Ministerpräsidenten, sondern den Jagdpächter. Gemeinsam machten sie sich auf die Pirsch nach dem Tier. Und wurden schnell fündig: Bei dem vermeintlichen Raubtier habe es sich "um ein besonders gefährlich anmutendes Pony" gehandelt, "welches dort friedlich Gras futterte". Die Schlussfolgerung der Beamten: "Eine konkrete Gefahr für die Anwohner konnte daher ausgeschlossen werden." Was fehlt, ist der Satz, dass auch die konkrete Gefahr für das offenbar maximal winterbepelzte Pony gebannt war, nachdem es einwandfrei als solches identifiziert war. Während also das Adrenalin wieder abgebaut wird, könnte man der "Entdeckerin" des Wolfratshauser Wiedergängers einen Kinderbuchklassiker ans Herz legen, den man an vernebelten Tagen gemütlich zu Hause lesen könnte: "Pony, Bär und Apfelbaum" von Sigrid Heuck.

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