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Mitten in Dachau:Wiesn auf Balkonien

Wie sich die Volksfestabsagen auf den Bierkonsum auswirken werden, ist noch unklar. Doch die Menschen haben in den vergangenen Wochen viel Kreativität bewiesen, also warum nicht auch eine Wiesn in den eigenen vier Wänden?

Fundamentalistische Biertrinker haben einst das Gebet "Bier unser" erfunden. "Mein Rausch komme, mein Filmriss geschehe, wie im Bierzelt so auch in der Kneipe..." Das lässt sich wunderbar runterrattern und erfüllt das Bierdimpfelbeisammensein am Stammtisch mit einem tieferen, spirituellen Sinn. Amen, Prost, Wiederschauen. Das sogenannte flüssige Gold ist für viele hierzulande ja wirklich so heilig wie der Herrgott im Himmel. Manche erkannten eine göttlich Fügung darin, dass der "Tag des Bieres" am 23. April im vergangenen Jahr auf den ersten Tag nach Ostern fiel, dem Fest der Auferstehung.

Doch heuer, in diesem - mit Verlaub - bisher extrem bescheidenen Jahr 2020, fällt der 23. April auf den kommenden Donnerstag. Das ist blanker Hohn. Denn nur 72 Stunden vor dem diesjährigen "Tag des Bieres" haben der Münchner Oberbürgermeister und der bayerische Ministerpräsident das Oktoberfest abgesagt. Zuvor schon war klar, dass auch die Volksfeste im Landkreis Dachau ins Wasser fallen werden. Nach einer Erklärung, wie das alles nur soweit kommen konnte, sucht man vergeblich. Für manche bleibt nur der verzweifelte Blick zum Himmel und der Glaube, dass da oben einer sitzt und jetzt fies lacht.

504 Jahre vorher war die Welt noch in Ordnung. Am 23. April 1516 verkündete der Vertreter Gottes auf Erden, der bayerische Herzog Wilhelm IV., auf einem Landständetag in Ingolstadt: Bier darf nur aus Wasser, Hopfen und Gerste bestehen. Das Reinheitsgebot. Dieses hat sich bewährt. Heute meldet das bayerische Landesamt für Statistik anlässlich des Tag des Bieres: "Bayerns Brauereien verkauften 2019 im bundesweiten Vergleich das sechste Mal in Folge das meiste Bier." Demnach erzielte Bayern im vergangenen Jahr mit 23,8 Millionen Hektolitern den höchsten Bierabsatz unter den Bundesländern. Dass der Bierabsatz der bayerischen Brauereien im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent zurückging, geschenkt! Bayerns Brauereibosse dürften mit den Zahlen aus dem vergangenen Jahr zufrieden sein.

Wie sich nun die Volksfestabsagen und Gastronomieschließungen auf den Bierkonsum im laufenden Jahr auswirken werden, ist noch unklar. Doch die Menschen haben in den vergangenen Wochen unglaublich viel Kreativität bewiesen. Man stellt sich das so vor: eine Wiesn auf Balkonien.

© SZ vom 22.04.2020
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