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Mitten in Dachau:Über Politik singt man nicht!

Dahoam in Dachau

Die Dachauer Musiker Manfred Huber, Benedikt Raitmeir, Richard Trinkl (oben von links) und Simone Rail (unten links), die Chaoscityriders Benjamin Marcovic, Bernard Zeidler und Tobias Pietzonka (unten von links) sowie die Zweitplatzierte der Wahl zur Bayerischen Bierkönigin Carolin Strobl beim Videodreh.

(Foto: Dahoam in Dachau)

Wer einen Musikhit landen will, für den gilt: Bloß nicht über Politik singen! Denn politischen Tiefgang bekommt ein Song von ganz allein, ob gewollt oder nicht.

Gäbe es ein Patentrezept für einen musikalischen Hit, sähe es wohl so aus: Man nehme einen Rhythmus zum Mitwippen, einen leicht einprägsamen Refrain, einen Text möglichst nicht von großem Belang, um die erwünscht heitere Atmosphäre nicht zu trüben (einzige legitime Ausnahme an dieser Stelle: Herzschmerz). Gesellschaftliche oder gar politische Tiefe kann ein solcher Hit immer noch entwickeln, manchmal allein durch eine unerwartete Fügung und einem neu entstandenen Kontext, der dem Interpreten selbst wohl am wenigsten in den Sinn gekommen wäre. Österreich kann ganz aktuell ein Lied davon singen: "We're going to Ibiza", Partyhit der Neunziger, landete nach jüngsten Ereignissen unverhofft wieder in den landesweiten Charts. Ein Song, der plötzlich politisch wurde - und ursprünglich war er wohl eher gedacht als "b'soffene G'schicht".

Ansonsten wirkt es auf den Betrachter des gängigen Hitbusiness allerdings so, als würde dort am liebsten alles gemacht werden - nur nichts mit politischer Relevanz. Nicht ohne Grund ist der Eurovision Song Contest - beinahe unumstritten die große Talentschmiede für aufstrebende Hitfabrikanten und -fabrikantinnen - laut offiziellen Statuten eine "unpolitische Veranstaltung". Mit einem Höchstmaß an Show, Kostüm und Ironie, sozusagen bestmöglicher Tarnung, lässt sich das in manch einem Fall ändern. Der Sieg von Conchita Wurst 2014 dürfte genau aus diesem Grund als einer der wenigen im kollektiven Gedächtnis geblieben sein.

Was all das zeigt? Versucht ein Hit geradezu offensiv unpolitisch zu sein, muss er es trotzdem nicht sein. Das Portal "Dahoam in Dachau" hat gerade ein Musikvideo veröffentlicht, dass die Stadt von seiner schönsten Seite zeigen soll. Mit Alphörnern und in Tracht tanzen die Darsteller hier durch das Dachauer Schloss, die idyllischen Cafés und Läden, man besingt die schöne Heimat. Die Melodie wechselt dabei zwischen DJ-Ötzi-artigem Sprechgesang und stets fröhlicher Volksmusik. Zum Mitsingen der einprägsame Refrain: "Dachau hat in der ganzen Welt ein Gesicht, aber über Dachau spricht man nicht." Vermutlich zur Erklärung dieser These gibt es zweimal im Video eine Aufnahme der KZ-Gedenkstätte, ein Schwenk auf die Tafel mit der Inschrift "Nie Wieder", im Hintergrund läuft weiterhin heitere Volksmusik. Der politische Kontext und die damit einhergehende Kritik ergeben sich an dieser Stelle nicht so zufällig wie bei manch anderem hier erwähnten Stück - aber Dachau ist eben auch nicht Ibiza. Ob das Patentrezept ausnahmsweise scheitern wird?

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