bedeckt München 25°

Mitten in Dachau:Lust und Last des Lesers

In diesen Zeiten ist es angesagt, zuhause zu bleiben und vielleicht ein paar Bücher zu lesen. Deshalb an dieser Stelle ein paar Empfehlung. Doch auch hier ist Vorsicht geboten.

Letztens schwärmte der Politiker Robert Habeck (Grüne) - den der Erfolg seiner Partei bei den Kommunalwahlen im Landkreis erfreuen dürfte - in der Fernsendung "Das Literarische Quartett" über den 480-Seiten-Wälzer mit dem Titel "Das Volk der Bäume". Es sei ein "fantastisches Buch", so Habeck. Die Bestsellerautorin Hanya Yanagihara schreibe in einer "sehr wuchtigen Sprache" und erzähle "bildstark" über eine Expedition in den Fünfzigern auf eine abgelegene Insel. Während Habeck das Werk noch in seine Einzelteile filetierte, tippten die eigenen Finger schon den Buchtitel bei Google ein. Und zack, gekauft. Nach Habeck legte die Philosophin Thea Dorn den Zuschauern argumentativ überzeugend den Familienroman "Effingers" ans Herz. Und da sich kürzlich im eigenen Kopf der Vorsatz festgesetzt hat, wieder mehr lesen zu wollen, wanderte auch dieser 900-Seiten-Schinken in den Warenkorb.

Von der Seite schaute Willy Brandt ziemlich vorwurfsvoll drein. Sein Bild ist auf der Biografie abgebildet, die neben dem Bett auf dem Nachtkästchen liegt und deren letzten 400 Seiten noch zu lesen sind. Klar, ein erfülltes Leben wie das des großen Sozialdemokraten lässt sich nicht in 100 Seiten packen - das würde allenfalls seinen Nachfolgern in der Partei gelingen. Und gleich daneben das zwar ausgepackte, aber höchstens angelesene neue Philosophie-Epos von Jürgen Habermas. Und da ist noch die Freundin, die einen bei der zweiten Buchbestellung des Abends anschaut, als hätte man nicht mehr alle Tassen im Schrank. Tatsächlich gibt es Fälle von krankhafter Büchersucht und einen Wikipedia-Artikel zu "Bibliomanie". Die Welt berichtete einmal über einen Ministerialbeamten aus Darmstadt, der 24 000 Bücher aus 70 Bibliotheken geklaut haben soll. Allerdings: Er las die Bände nicht, sondern wollte sie nur in seiner Nähe haben. Sein ältestes Buch war ein Gesundheitsratgeber von 1565. Ein Großteil der Beute stammte aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Das eine bestellte Buch, das weniger dicke, steht übriges inzwischen gelesen im Regal. Das andere, der 900-Seiten-Schinken, ist, nun ja, immerhin schon ausgepackt. Es ist blöd gelaufen. Durch Zufall stieß man im Internet auf die Rio-Reiser-Biografie, die Gert Möbius über seinen Bruder Ralph geschrieben hat. Und man wollte doch wieder mehr lesen ..

.

© SZ vom 19.03.2020
Zur SZ-Startseite