Süddeutsche Zeitung

Mitten in Dachau:Held im Bahnhofsklo

Über den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse

Kolumne von Thomas Balbierer

Hollywoodfilme basieren oft auf einer simplen Erzählschablone, der sogenannten Heldenreise. Sie geht, vereinfacht gesagt, so: Ein scheinbar durchschnittlicher Protagonist stolpert fast zufällig in ein unbekanntes Abenteuer, bei dem es kein Zurück mehr gibt. Um die Herausforderungen zu meistern, wächst er über sich hinaus und entdeckt seine wahren Kräfte. Dem Reisenden stellen sich Feinde in den Weg, doch auch Verbündete begleiten ihn auf seiner Schicksalsfahrt. Alles steuert auf die finale Prüfung zu, in der er das Böse, die Verkörperung seiner größten Angst, überwinden muss. Es scheint, als würde er den dramatischen Kampf verlieren, doch dann wendet sich das Blatt und der Held triumphiert. Das erfolgreiche Erzählmuster lässt sich in Geschichten wie "Star Wars", "Herr der Ringe" oder "Harry Potter" gut beobachten.

Aber für eine gelungene Heldenreise braucht es gar keine pompösen Hollywoodkulissen und teure Spezialeffekte. Manchmal tut's auch der Dachauer Bahnhof. Am Montagabend stolperte nämlich ein Mann in ein unfreiwilliges Abenteuer im Bahnhofsklo. Der gewöhnliche Zugpassagier wollte während eines Zwischenstopps in Dachau einfach nur die Toilette benutzen und suchte dazu die Sanitäranlagen in der Schalterhalle auf, so schildert es die Feuerwehr in einer Pressemitteilung. Als er das Gebäude nach 18 Uhr wieder verlassen wollte, merkte er jedoch, dass etwas nicht stimmte: Die Türen waren bereits verriegelt. Das Abenteuer begann. Im Kampf gegen die soziale Isolation rief er die Freiwillige Feuerwehr zur Hilfe, die einen Weg aus dem Bahnhofsgefängnis fand: Ein gekipptes WC-Fenster. Doch da stellte sich der Hauptfigur schon die nächste Bewährungsprobe in den Weg. Um zurück ins rettende Klo zu gelangen, musste er an der feindseligen Bezahlschranke vorbei - nur fehlte ihm die passende 50-Cent-Münze. Also kletterte ein verbündeter Feuerwehrmann von außen ins Klo und besiegte die Schranke von innen, sodass beide Männer - laut Mitteilung sportlicher Natur - "kopfüber" durchs Fenster fliehen konnten. Der befreite Held konnte seine Reise unbeschadet fortsetzen.

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Quelle:
SZ vom 30.05.2020
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