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Mitten in Dachau:Heimatkunde mit der S-Bahn

Die Verkehrsbetriebe sind um unsere Bildung besorgt. Deshalb lassen sie den Schienenersatzverkehr gerne mal quer über die Landkreise fahren. Dauert zwar länger, ist aber sehr aufschlussreich

Heimat ist ein großer Begriff geworden. Nicht nur, dass in Radio und Fernsehen ständig davon die Rede ist, dass es nun sogar einen Bundesminister dafür gibt, sondern auch, weil es das zentrale Wahlkampfthema für die Landtagswahl werden könnte. Man mag schon gar nicht mehr an einen Zufall glauben, wenn dieser Tage sogar die Deutsche Bahn dazu beiträgt, den Begriff neu zu definieren. Ganz nach dem Motto "Lerne deine Heimat kennen" schickt sie die Fahrgäste der S-Bahn in tiefkalte Gegenden, die diese vielleicht nur von Google Earth kennen.

Ein Beispiel: Eine Maisacherin nimmt jeden Tag die S 3, um von Maisach zum Hauptbahnhof München zu fahren. Regelfahrzeit 31 Minuten. Daraus hat die Bahn vor ein paar Tagen gute drei Stunden gemacht. So hat sie die Pendlerin zunächst am Bahnhof Lochhausen, wo alle S-Bahnen endeten, in den Bus umsteigen lassen. Nun müsste man annehmen, dass Schienenersatzverkehr den nächsten Bahnhof an der Linie anfahren würde, eine Strecke, auf der man quasi "dahoam" ist. Doch um die Kenntnis über die Heimat zu erweitern, fuhr der Bus nach Dachau, wo alle in die S 2 umzusteigen hatten, um von dort mit viel Verspätung Richtung Hauptbahnhof weiterzufahren. Solche Extratouren brennen sich ins Gedächtnis ein wie Schulausflüge mit Cervelatwurstsemmel und Sunkist.

Wichtigstes Marketinginstrument der Bahn-Heimatkunde scheint eine App zu sein, die sich "Streckenagent" nennt und den Fahrgast mit Updates über den Verkehrsablauf auf der Schiene informiert. Richtig geplant, lassen sich so mit verschiedenen Schienenersatzverkehren ganz neue Routen zusammenstellen - je nachdem, wie viel Zeit Pendler dafür verwenden wollen. Mit der S-Bahn, einem Bus, vielleicht einem SEV-Taxi , der Tram und schließlich der U-Bahn sind Wege von Maisach oder sonst einem Haltepunkt Richtung München möglich, die ein ganzes Tourenbuch füllen würden. Groteske Züge könnten solche durchgetakteten Irrfahrten durch die unbekannte Heimat entlang der Bahnstrecken annehmen, wenn man die Informationen aus der App des Münchner Verkehrs- und Tarifverbundes hinzunimmt. Beim MVV ist man auch in der Lage, weit vorauszublicken, was dem Fahrgast enorm helfen könnte. Steht doch unter der Rubrik Meldungen nicht nur "Heute", sondern auch "Zukunft".

© SZ vom 27.03.2018

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