Mitten in Dachau:Ein Schirm für alle Fälle

So ein Schirm ist schon wahnsinnig praktisch, gerade in diesem regnerischen Sommer. Aber was, wenn das Ding kaputt ist? Einige Dachauer Kreative haben da eine Idee

Glosse von Viktoria Hausmann

Er ist das perfekte Sinnbild für Sicherheit und Flexibilität: der Schirm. Aus einem gelenkigen Alugestell und weichem, wasserabweisenden Stoff bestehend ist er leichter und mutet auch weniger aggressiv an als ein Hemd oder ein massiver Schild aus Holz oder Metall, den man wie ein Legionär über den Kopf hält. Formschön passt er in jede Tasche und damit auch perfekt in unsere Zeit und auf unseren Kontinent, in dem kriegerische Auseinandersetzungen glücklicherweise schon lange der Vergangenheit angehören. Krisen gab es schon, doch als Euro-Rettungsschirm war der Schirm auch verlässlicher Begleiter während der Finanz- und Eurokrise. Als Fallschirm trägt er einen sanft durch die Lüfte, wenn man das Flugzeug vor der Landung verlassen muss. Und da er jede Farbe und Größe haben kann, kann man in ihm sogar ein Symbol für Individualität, Diversität und Toleranz sehen.

Der Schirm fragt auch nicht, ob man dick oder dünn, schwarz oder weiß ist. Der Schirm schützt jeden, ohne Ansehen der Person. Im Zweifelsfall steht er aber stets über den Köpfen der Guten, wie man bei den Demonstrationen für Freiheit und Demokratie in Hongkong gesehen hat. Dort ist der Schirm das Markenzeichen der Freiheitsbewegung.

Wenn Regen und Wind gemeinsam angreifen, hat der Arme aber oft keine Chance, wird verbogen, zerrissen, weggeweht. Und wie dankt man es ihm? Indem man ihn in den Müll wirft? Geht man etwa so mit einem Beschützer um? Nein, dachte sich der Kreisjugendring Dachau, und stellte prompt eine "Abwurftonne" vor seinem Büro an der Augsburger Straße 22 auf. Dort finden alte, zerfledderte Regenschirme ein gemütliches Zuhause und eine neue Bestimmung: als kreative Dekoration beim Kult-Festival, das Mitte September auf der Thoma-Wiese stattfinden wird. So etwas nennt man Upcycling: Aus kaputt mach neu, aus Schrott, äh, Schirm, wird Deko. So werden diese Veteranen im Kampf gegen immer extremere Wetterlagen auch noch zu illustren Mahnern des Klimawandels. Nicht leicht, wenn man so viel Verantwortung tragen muss.

© SZ vom 29.07.2021
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