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Mitten in Dachau:Ein bisschen mehr Respekt, bitte!

Die Administratoren der Facebook-Gruppe "Dachauer Ratsch" haben genug: Sie verhängen einen Gruppenlockdown. Bis 15. April bleiben Beiträge zum Thema "Corona" unsichtbar.

Glosse von Jacqueline Lang

Die Corona-Krise hat vieles verändert. Nicht nur die Art, wie Menschen zusammenleben, nein, sogar in die Sprache hat die Pandemie Einzug gehalten. Vor allem das Wort "Lockdown" in all seinen Auswüchsen macht sich breit und schön langsam droht man, den Überblick zu verlieren: Es gab den harten Lockdown, den Lockdown light, derzeit sind verschärfte Lockdowns und gar ein Brückenlockdown im Gespräch. Und nun kommt noch eine neue Variante hinzu. Es scheint fast so, als würde das Wort schneller mutieren als der Verursacher dieser Wortschöpfungen - das bedrohliche Virus selbst. Die Facebook-Gruppe "Dachauer Ratsch" hat Ende der vergangenen Woche bis vorerst Donnerstag, 15. April, einen sogenannten Gruppenlockdown ausgerufen. Beiträge rund um das Thema "Corona" werden bis dahin nicht mehr freigeschaltet.

Erklären tut das einer der Administratoren in einem Post wie folgt: "Die Gründe für unsere Entscheidung sind, dass uns in den letzten Wochen bedauerlicherweise eine vermehrt gereizte und zuweilen sehr aggressive Stimmung unter sehr vielen Mitgliedern aufgefallen ist im Umgang mit Kritik und Meinungen, sowie im Umgang miteinander. Keiner hört dem anderen mehr richtig zu, keiner versucht mehr die Positionen oder Beweggründe des anderen zu verstehen. Es gibt nur noch, bist du nicht für mich - bist du gegen mich...." Klare Ansage. Da könnte sich so manch ein Politiker mal ein Beispiel dran nehmen. Bleibt nur die Frage: Bleibt es bei dem einwöchigen Lockdown oder wird noch einmal verlängert werden müssen? Und wenn wieder gelockert, sprich gepostet wird, wird sich dann etwas geändert haben oder wird man womöglich nach einer kurzen Phase der Lockerung noch einmal einen harten Lockdown verhängen müssen?

All das bleibt wohl - wie auch bei all den anderen Lockdowns - abzuwarten. Besorgniserregend ist es aber schon jetzt: Denn wenn selbst im Mikrokosmos Dachauer Ratsch das Klima derart rau geworden ist, dass sich die Administratoren nicht anders zu helfen wissen, als jeden Austausch zumindest kurzfristig zu unterbinden, wie muss es dann erst gesamtgesellschaftlich aussehen? Denn es ist doch so: Hass ist das vielleicht gefährlichste Virus von allen und es grassiert schon deutlich länger als zwölf Monate.

Vielleicht würde es schon helfen, wenn sich jede und jeder mal die Netiquette der Ratschler zu Herzen nehmen würde: "Seid nett und freundlich zueinander. Wahrt bitte einen respektvollen Umgang miteinander, insbesondere bei Meinungsverschiedenheiten. Wenn ihr in einem Beitrag Kritik zum Ausdruck bringen wollt, achtet bitte auf die Ausdrucksweise und Konstruktivität. Toleriert bitte andere Meinungen und bleibt bei der Diskussion stets sachlich." Einen Versuch wäre es zumindest Wert - nicht nur für die Dachauer Gruppenmitglieder.

© SZ vom 12.04.2021
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