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Mitten in Dachau:Das wilde Leben an der Wursttheke

In Pandemie-Zeiten erweckt der Gang zum Supermarkt bei manchen ein Gefühl von langen Nächten in Clubs. Da wird der Flirt mit dem Wurstverkäufer auch mal zum Wochenhighlight

Glosse von Benjamin Emonts

In einer lange zurückliegenden Zeit gab es noch etwas, das nannte sich "Ausgehen". Abends nach getaner Arbeit duschte man, wusch sich den Stress ab, rieb Gel in die Haare und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel, bevor man in den Abend startete. Nach ein, zwei Bier am Küchentisch zog man los in eine Bar. Man unterhielt sich, sah fremde (!) Menschen und vergaß die Zeit. Manchmal sogar so sehr, dass man sich frühmorgens tanzend in einem Club wiederfand.

Die Erinnerungen an diese Abende sind inzwischen verblasst, weil sie so ewig her sind: Das Virus hat sie vernebelt. Wie der Mensch aber so ist, sucht er sich einen Ausgleich. An die Stelle des Ausgehens ist das Einkaufen getreten. Ja, man müsste vor Scham erröten, wenn man sich das sagen hört, aber der Besuch im Supermarkt ist im Lockdown tatsächlich zu einer Art "Event des Tages" geworden. Man macht sich vorher frisch und geht unter Leute. Hier trifft man noch auf echte, ungepixelte Gesichter, die einem zuhause nicht dauernd begegnen. Die Unterhaltung mit dem Verkäufer an der Fleischtheke, der wie ein Wikinger aussieht, ist ein wahres Discolicht im grauen Alltag. Als man ihn nach Hackfleisch fragt, weil die Schale in der Auslage leer ist, schüttelt er grimmig den Kopf und sagt, man solle sich gefälligst in der Tiefkühltruhe bedienen. Dann lacht er, lockert seine Gesichtszüge und holt Hackfleisch. Man schmunzelt und denkt sich: "Wow, so muss sich flirten angefühlt haben."

Mit jedem Einkauf werden die Parallelen zum Weggehen deutlicher. Man wird von Menschen angepöbelt, angelächelt oder bei Überfüllung abgewiesen, wobei die Supermarkt-Türsteher viel freundlicher sind als ihre Vorgänger aus dem Nachtleben. Auch Alkohol gibt es im Einkaufsmarkt zuhauf, nur dass er zuhause noch gemischt werden muss und nicht so süffig ist wie im Dämmerlicht einer Bar. Aber hey, die Zeiten sind eben andere, man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Morgen geht's wieder einkaufen. Hoffentlich ist der Wikinger da.

© SZ vom 11.01.2021
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