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Mitten in Dachau:Brainstormen im Kinderzimmer

Türme bauen und so Ideen entwickeln, die einen privat oder beruflich weiterbringen? Das geht in geleiteten Workshops - oder aber auch ganz einfach zuhause

Von Jacqueline Lang

Wenn man jung ist, kann man es kaum erwarten, endlich erwachsen zu werden. Vor allem, weil man aus irgendeinem Grund denkt, es sei ganz, ganz toll, endlich eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. Dass das eigentlich ziemlich anstrengend und nervig ist, sagt einem keiner. Meistens ist alles so schrecklich kompliziert, dass man am liebsten wieder fünf Jahre alt wäre und den lieben langen Tag mit Bauklötzen Türme bauen würde. Wie gut, dass genau das neuerdings offenbar auch für vermeintlich erwachsene Menschen wieder ein legitime Freizeitbeschäftigung ist. Das Prinzip nennt sich "Lego Serious Play", was übersetzt so viel bedeutet wie ernsthaftes Spielen. Denn, ja klar, einfach nur spielen und Spaß haben geht natürlich nicht, man ist schließlich keine fünf mehr. Und genau deshalb ist es auch unerlässlich, dass man nicht alleine mit seinen Legosteinen spielt, sondern im Rahmen eines Workshops, angeleitet von einem Prozessmoderator. Genau so einen Workshop bietet nun auch das Coworkingspace "Hello Dachau" online an. Bereits zum zweiten Mal wohlgemerkt, weil das erste Mal schon so ein Erfolg war.

Wie also kann man sich das vorstellen, so ein ernsthaftes Spiel, und welchem Zweck soll das dienen, wenn doch offenbar nicht dem puren Vergnügen? Auf Facebook heißt es dazu in der Workshop-Beschreibung, es handle sich um einen "innovativen Erfahrungsprozess". Das Konzept rege "zu tiefer Reflexion und effektiven Dialogen" an, so das Versprechen. Wer im Privaten oder auf beruflicher Ebene ein Thema mal "auf eine etwas andere Art beleuchten" wolle, der sei herzlich eingeladen, teilzunehmen. Alles was man dafür brauche, bekomme man bei einer Teilnahme per Post zugeschickt. Denn, auch das ist letztlich keine Überraschung: Die Legosteine, die man entweder noch selbst von früher in einer Ecke der Wohnung herumliegen hat oder mit denen die Kinder spielen, sind natürlich nicht geeignet. Vielmehr bedarf es eines eigens konzipierten Starter Sets, das aus einer Mischung von Lego- und Duplosteinen, sowie Rädern, Reifen, Fenstern, Bäumen, Figuren, Kugeln und Platten besteht.

Wem das immer noch alles zu theoretisch ist, dem erklärt Google diese Art der Ideenentwicklung und Konzeption, die offenbar bereits seit vielen Jahren auch in Unternehmen angewandt wird, in einem Satz so: "Mit den Händen denken." Genau so sollte man es am besten auch seinem Chef erklären, warum die Teilnahme an solch einem Workshop unerlässlich für das eigene Arbeiten und damit den Erfolg des Unternehmens ist. Falls ihm das zu teuer ist, kann man sich stattdessen auch bei Kollegen, die schon Kinder haben, zum gemeinsamen Legobauen verabreden. Ist billiger und die Frage der Kinderbetreuung wäre dann auch gleich geklärt. Bleibt nur die Frage: Wäre es schon Kinderarbeit, wenn man die - wahrscheinlich besseren - Ideen der Kinder nutzt, ohne sie dafür zu entlohnen, oder sind Gummibärchen eine faire Bezahlung?

© SZ vom 19.01.2021
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