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Mitten in Dachau:Bei Anruf Gedicht

Eine wunderbare Überraschung hat das Dachauer Mehrgenerationenhaus vorbereitet: Wem in der kulturleeren Zeit in der Corona-Pandemie, in der Theater, Musik, Film stillgelegt wurden, nach etwas Lyrik ist, kann eine Telefonnummer wählen - und der Rezitation von Versen lauschen

Kolumne von Julia Putzger

Seit das Coronavirus es sich in unserer Welt bequem gemacht hat, scheint eine Zeit der Leere angebrochen zu sein. Die Rede ist hier nicht von Klopapierregalen, sondern vielmehr von Veranstaltungsräumen. Bis auf ein paar Ausnahmen mussten die Sessel in den Theatern, Gasthäusern und Mehrzwecksälen dieses Landes heuer ein einsames Dasein fristen. Den Platz auf der großen Bühne, wo sonst Konzerte, Lesungen und Aufführungen stattfinden, hat stattdessen ein noch im vergangenen Jahr unbekanntes Virus eingenommen. Doch so einfach verdrängen lassen will sich niemand, die Kulturschaffenden halten bereits Ausschau nach Alternativen. Konzerte werden aus leeren Hallen live übertragen, Lesungen finden über Videokonferenzen statt.

Trotzdem: Es ist eine leere, eine kulturarme Zeit, diese Zeit des Coronavirus. Und zwar besonders für diejenigen in unserer Gesellschaft, in deren Alltag die Digitalisierung bisher nicht Einzug gehalten hat. Die, die keinen Computer und kein Smartphone haben, sondern höchstens ein Festnetztelefon mit digitaler Anzeige. Genau deshalb gibt es nun aber ein wunderbares Angebot des Dachauer Mehrgenerationenhauses: Die "Bei Anruf Gedicht"-Rufnummer. Unter 08131/ 6655046 gibt es ab sofort jede Woche ein neues Gedicht zu hören. In dieser Woche lauscht man den Versen von Christian Morgensterns "Es ist Nacht". Vorschläge für weitere "Lesungen" in den nächsten Wochen sind willkommen.

Was genau die Neugierigen, die die Nummer wählen, erwartet, soll an dieser Stelle jedoch noch nicht verraten werden. Nur so viel sei gesagt: Es ist zwar im ersten Moment ein seltsames Gefühl, zum Hörer zu greifen und während des anfänglichen Tutens nicht auf einen Gesprächspartner, sondern ein Gedicht zu warten. Aber es lohnt sich. Nicht nur, weil man weiß, dass man selbst nichts sagen muss und sich dabei möglicherweise in den gedanklich zurecht gelegten Satzfetzen verheddern könnte. Sondern weil es einfach gut tut, sich einen Moment Auszeit zu gönnen, ganz egal, wo man gerade ist. Und selbst wenn man Gedichtinterpretationen zur Schulzeit noch so sehr verschmäht hat: Auf andere Gedanken kommt man durch ein bisschen Poesie auf alle Fälle - auch wenn die Verse nicht in einem prächtigen Saal, sondern nur am Hörer vorgetragen werden.

© SZ vom 20.11.2020
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