bedeckt München 29°

Mitten in Dachau:Aufforstung im Schilderwald

Stadtrat Kreß fordert Zusatzschilder, doch die Stadtverwaltung legt ihr Veto ein

Glosse von Julia Putzger

Seitdem die Themen Naturschutz und Nachhaltigkeit auf der Prioritätenliste vieler Bürger weit nach oben gerückt sind, lieben Politiker Bäume. Ihre Zuneigung zeigen sie gerne medienwirksam beim Umarmen großer Stämme, der Bayerische Ministerpräsident ist bei dieser Art von Fotoshooting nicht ganz unerfahren. Noch höher schlagen die Herzen der baumaffinen Politiker, wenn sie sich als Beschützer ganzer Wälder darstellen dürfen. In Dachau, dem waldärmsten Landkreis in Bayern, ist derlei leider etwas schwieriger. Doch selbstverständlich sind der Kreativität in der Politik keine Grenzen gesetzt, und so setzt der Dachauer Stadtrat der Grünen Thomas Kreß ganz einfach auf eine andere Art von Wald: den Schilderwald.

Bei der Umarmung von dessen Individuen ist zwar ein hohes Maß an Fotogenität des jeweiligen Politikers gefordert, doch auch ohne zusätzliche menschliche Unterstützung dürfte der Schilderwald ansprechendes Bildmaterial für nette Werbesujets liefern. So kann sich die Politik auch direkt auf Erhalt und Stärkung des Schilderwalds fokussieren. Dafür hat Stadtrat Kreß auch schon eine zündende Idee, die er in der jüngsten Sitzung des Umwelt- und Verkehrsausschusses vorbrachte: In der Josef-Effner-Straße, die seit einiger Zeit als Fahrradstraße ausgewiesen ist, sei nämlich nicht allen Autofahrern klar, was das konkret bedeute - unter anderem, dass Fahrradfahrer auch nebeneinander fahren dürfen. Um "den Lernvorgang der hupenden Autofahrer zu verbessern", wünscht Kreß sich deshalb ein Zusatzschild mit der Aufschrift: "Autofahrer, du bist nur Gast hier." Auf diesen Vorschlag hin outete sich auch Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sofort als Schilderliebhaber: "Ich habe auch immer viele Ideen für lustige Schilder."

Leider durchkreuzte die städtische Verwaltung die Träume der beiden sogleich mit einer enttäuschenden Klarstellung: Ein solches von Kreß vorgeschlagenes, amtlich nicht zugelassenes Schild könne und dürfe man nicht aufstellen. Doch selbst, wenn Kreß' mutiger Vorstoß vorerst scheiterte, muss er sich keine Sorgen um den Zustand des Dachauer Schilderwalds machen. Denn die Stadtverwaltung versichert: In den letzten Jahren wurden rund 2000 neue Schilder gepflanzt, äh aufgestellt.

© SZ vom 16.04.2021
Zur SZ-Startseite