bedeckt München

Mitten im Landkreis:Drama in zwei Halbzeiten

Ausnahmsweise lassen sich die Eltern breitschlagen zum gemeinsamen Fußballabend vor der Glotze. Und dann das...

Glosse von Benjamin Emonts

Dienstagabend, beste Sendezeit, doch statt Public Viewing mit Freunden ist im Elternhaus Überzeugungsarbeit gefragt. Die Mutter hätte lieber einen Spielfilm gesehen, der Vater, fußballignorant und von vornherein genervt, kann es nur schwer ertragen, 22 Männer einem Ball hinterherlaufen zu sehen. An diesem Abend jedoch lassen sich die Eltern ausnahmsweise breitschlagen, das Länderspiel zwischen Spanien und Deutschland anzuschauen. Als hätten sie geahnt, dass ein historischer Fernsehabend auf sie warten würde.

Im Normalfall laufen die seltenen Fußballabende im Familienkreise so ab, dass der Sohn recht bald verlassen vor dem Fernseher sitzt, weil der Rest plötzlich anderen, "interessanteren" Aufgaben nachgeht. Jetzt aber ist alles anders. Spätestens ab der 55. Minute, es steht inzwischen vier zu null für die haushoch überlegenen Spanier, sitzen alle gebannt vor dem Fernseher und machen immer größere Augen. Der sonst so desinteressierte Vater macht sich Gedanken über die berufliche Zukunft von Nationaltrainer Jogi Löw, die Mutter entwickelt Verschwörungstheorien und spricht offen über Manipulation.

Selbst Fußballlaien wird klar, dass sich da ein Schauspiel zuträgt, das es so noch nicht zu sehen gab. Der deutsche Spielmacher İlkay Gündoğan schaut wie ein hilfloses Hündchen, das sich aus Versehen in ein Fußballstadion verlaufen hat; Torhüter Manuel Neuer schlägt mit seinen behandschuhten Riesenpranken fluchend gegen den Pfosten. Den Oscar für den traurigsten Hauptdarsteller aber hat sich Trainer Löw verdient, den viele gerne im Vorruhestand sähen. Er wirkt sprachlos und apathisch. Högscht fruschtriert ist der gute Mann.

Es folgen das fünfte und das sechste Tor für die Spanier: die höchste Niederlage seit 1931 für die deutsche Elf. TV-Experte Bastian Schweinsteiger nennt die Vorstellung "entsetzlich" und ruft unfreiwilliges Gelächter im Wohnzimmer hervor. Das Einschalten aber hat sich gelohnt: Es war ganz großes Heimkino, ein Drama in zwei Halbzeiten. Dieser Fernsehabend wird selbst den Fußballmuffeln in der Familie in Erinnerung bleiben.

© SZ vom 19.11.2020
Zur SZ-Startseite