Mitten im Landkreis California Dreamin'

"Hightech dahoam" hat bis vor kurzem ein Plakat für ein Schwabhausener Unternehmen geworben.

(Foto: V. Grossmann)

Von Moorlagune bis High-Tech-Standort hat der Landkreis viel zu bieten

Kolumne Von Gregor Schiegl

Vor einigen Jahren wurde ein gewisser Marken-Kinderwagen von der Lifestyle-Abteilung der Welt als "Mercedes unter den Kinderwagen" gepriesen. Eine Modell, mit dem sich angeblich besonders flott joggen lässt, kürte die Männerzeitschrift fit4fun zum "Ferrari unter den Kinderwagen". Man sieht: Das Medienwesen ist ein Eldorado dämlicher Namensmetaphern, ein Mekka des Edel-Labelings. Neu ist das nicht: München trägt schon seit den Tagen des klassizistischen Baubooms den Namen Isar-Athen, das war damals noch irgendwie originell, heute ist es eine Pest. In einem Fachbuch zur Metaphernforschung heißt es, dass es alleine 1268 Venedigs auf der Welt gebe. "Experten schätzen die Dunkelziffer sogar dreimal höher."

Auch Karlsfeld kann man mit Fug und Recht als das Venedig von Dachau bezeichnen. Dort läuft den Leuten öfter Wasser in den Keller, es gibt Wasserwirtschaftsleute, die glauben, der Ort könnte in einer Moorlagune untergehen. Im Gegensatz zu Giethoorn, dem "Venedig von Holland", gibt es in Karlsfeld wenigstens Italiener, auch wenn die überwiegende Zahl aus Süditalien stammt. Wer es noch nicht wusste, konnte kürzlich am Dachauer S-Bahnhof das Werbeplakat einer IT-Firma bestaunen, das den Eindruck erweckte, nach der Ortsausfahrt des Silikon-Valley gelange man direkt in einem neuen, noch viel hipperen und moderneren Hightech-Hotspot namens Schwabhausen. Die Message der Werbung ist klar: In Schwabhausen arbeitet man an der Welt von morgen, Schwabhausen ist das Silicon Valley des Landkreises!

Ganz falsch ist das nicht, das Silicon Valley leidet infolge des Zuzugs von Fachkräften ebenso unter explodierenden Immobilienpreisen wie das kleine, ländlich geprägte Schwabhausen, und im Isar-Athen, von Münchnern auch "München" genannt, sind die Luftwerte ähnlich miserabel wie im Athen von Griechenland. Ernst nehmen kann man solche Namensmetaphern nie. Stets sind sie Ausweis blanken Wunschdenkens und provinzieller Minderwertigkeitskomplexe. Niemand würde den Petersdom als das Sankt Jakob des Vatikans bezeichnen, niemand die mongolische Steppe als das Hilgertshausen Asiens. Wenn Sie anderes gehört haben, schreiben Sie gerne eine Mail an den Autor: den Paul Auster der New York Times von Dachau.