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Mitten im Gericht:Die Tücken der Technik

Auch eine Gerichtsreporterin erhält am Dachauer Amtsgericht nur Einlass, wenn sie fieberfrei ist. Doch was ist, wenn einem das Messgerät attestiert, man sei zu kalt?

Glosse von Jacqueline Lang

Wer auf die Frage, was den Tag über so passiert ist, lapidar raushaut, dass er mal wieder vor Gericht war, der bekommt als Reaktion meist wahlweise eine verdutzt bis verschreckte Miene. Im coronabedingten Videochat sieht das meist so aus, als wäre der Bildschirm eingefroren. Aber nein, beeilt man sich dann schnell zu sagen, man hat sich nichts zuschulden kommen lassen, sondern nur seinen Job gemacht. Denn als Lokaljournalistin gehört es eben auch mal dazu, von Prozessen am Dachauer Amtsgericht zu berichten. Und normalerweise ist das auch recht entspannt: Man kommt mit Presseausweis sogar ohne die Hosentaschen auszuleeren rein und darf sich dann ganz gemütlich aus dem Zuschauerbereich anhören, was die Schurken - oft sind es auch arme Teufel - so verbrochen haben.

Seit neuestem muss man aber auch als rasende Reporterin durch die Sicherheitsschleuse. Man kommt nicht rein, ohne dass vorher die Temperatur gemessen wurde. Schließlich steht zu befürchten, dass das Virus auch vor der Dachauer Justiz nicht Halt macht. Die Sicherheitsbeamtin am Einlass hält einem also eines dieser komischen Messgeräte an die Stirn und es passiert: nichts. "Sie sind zu kalt", sagt sie daraufhin so mürrisch, dass man sich fast entschuldigen möchte. Dabei kann man doch nun wirklich nichts dafür, dass es draußen wieder so bitterkalt ist, dass man, trüge man keine Maske, sicherlich seinen eigenen Atmen sehen könnte. Freilich, man hätte ein wärmendes Stirnband tragen können, aber das zerstört nun einmal leider die Frisur. Nach noch einem prüfenden Blick auf Kugelschreiber und Block gewährt die Dame dann trotz offenbar unterkühlter oder gänzlich fehlender Temperatur Einlass. Und sie hat ja wohl auch recht, wenn sie denkt, besser zu kalt als zu warm, sprich: Hauptsache die hat kein Fieber. Man selbst indes denkt: Schon komisch, dass die Pandemiebekämpfung in diesem Land etwa so zuverlässig funktioniert wie die Deutsche Bahn. Kaum ein paar Flocken auf den Schienen und schon geht gar nichts mehr. Kaum Mensch gewordener Eiszapfen im Frühling, schon versagt das Messgerät den Dienst. Andererseits, was versteht man als einfaches Schreiberlein schon von den Tücken der Technik...

© SZ vom 10.04.2021
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