Mit dem Pedalhackbrett Kino für die Ohren

Bis zu 666 Mal pro Minute schlägt Rudi Zapf bei manch einem Lied, das er mit seinen Freunden improvisiert, sein Hackbrett an.

(Foto: Niels Jørgensen)

Rudi Zapf bietet ein Weihnachtskonzert der etwas anderen Art: Er entführt sein Publikum musikalisch in die weite Welt

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Rudi Zapf liegt fast auf seinem Pedalhackbrett; geradezu innig lässt er die Schlegel tanzen. Sunny Howard streichelt mit geschlossenen Augen ihre Violine. Ingrid Westermeier liebkost ihre Gitarre. Stefan Telser zupft scheinbar versonnen die Saiten seines Kontrabasses. "Was zum Stillwerden" sei der Beginn ihres "Weltweitweihnachtskonzerts", hat Zapf angekündigt.

Und in der Tat: Kaum erklingen die ersten Töne, heißt es: Abschalten, sich in die Musik hineinfallen lassen, sich ganz weit wegträumen. Doch dann bricht eine musikalische Raserei los: Irish Folk in Reinkultur. Es sollte nicht die letzte überraschende, aber immer stimmige Wendung bleiben an diesem Freitagabend mit "Rudi Zapf und Freunde" in der Dachauer Friedenskirche. "Wir können gar nicht zählen, wie oft Rudi Zapf schon hier war", hatte Leierkasten-Chef Frank Striegler zur Begrüßung gesagt. Mag sein, dass Zapf deshalb erst einmal nebst diversen Instrumenten auch ein Thermometer mitgebracht hat. Kühle 16 Grad misst er, doch das Ausnahmequartett spielt sich blitzartig warm. Denn Weihnachtsmusik dient in ihrem Fall eher als Alibi für einen Sturm der Liebe und Töne, den die vier auf ihren Instrumenten entfachen.

So gibt es beispielsweise statt Stubnmusi "Jurtenmusi" von Abaj Ibrahim Kunanbajew, die einen sofort ins ferne Kasachstan beamt. Statt Jingle Bells lassen dänische "Droemen - Träume" jegliches vorweihnachtliche Kassenklingeln im Nirwana meditativer, Zen-Buddhismus-inspirierter Klänge versinken. "Die kommen aus einem Kloster in Japan, obwohl keiner dort war", sagt Zapf. Das klingt schon irgendwie sinnlich-besinnlich, aufgepeppt durch eine gute Portion trockenen Humors.

Doch dem ist nicht so: Zapf und seine Musikerfreunde stehen total auf "Fröhliche Weihnachten" mit wilden tänzerischen Anleihen an südamerikanische und osteuropäische Rhythmen, kabarettreife Moderation vom Meister des Hackbretts inklusive. Da werden verbal und musikalisch aus dem uralten Adventschoral "Es kommt ein Schiff geladen" "The Celtic Ships", garniert mit einer schrägen Story Engelsgeigerin Sunny Howard mutiert zur wilden Fiedlerin, die Friedenskirche wird gefühlt zum Pub.

Wer je versucht haben sollte, Rudi Zapfs Anschläge zu zählen - es können bis zu 666 in einer Minute werden - lässt das ganz schnell wieder bleiben. Er versinkt lieber in einer überraschenden, quicklebendigen Mixtur aus einem barocken Telemann-Konzert und dem irischen "Sleep Sound in the Morning". Und bleibt garantiert wach. Sonst würde er womöglich die hübsche Geschichte von den "Wodka-Triolen" mit karelischem Ursprung verpassen, für die Zapf zu Vibradonion, "einem Edel-Melodica-Teil", und Knopfakkordeon greift.

Was für ein Kontrast zu "La Catedral" mit dem wunderbaren Andante religioso des Paraguayers Agustin Borrios Mangoré. Bei einer spanischen Malaguena gibt es zwar keine Kastagnetten, aber "Hackanetten" zu hören, was das musikalische Vergnügen mindestens so sehr steigert wie die Improvisationsfreude des Quartetts und die fabelhaften, aber völlig unaufgeregten Soli und Improvisationen jedes einzelnen.

Aber wo bleibt Weihnachten? Die bis zum Überdruss allerorten zelebrierte sogenannte Festtagsmusik der herkömmlichen Art scheint irgendwo in den Weiten der kasachischen Steppe verloren gegangen zu sein. Durch diese lassen die vier Musiker "Dschingis Khan" galoppieren; nicht die längst abgetauchte Band, sondern den mongolischen Eroberer. Das Stück ist exemplarisch für die wundersame Gabe dieses Ensembles, mit ein paar Tönen, Landschaften und Menschen ins Hirn zu malen. Das ist Kino für die Ohren im Reinformat.

Doch ganz ohne Weihnachtsmusik geht es nicht. Ein paar Fetzen "Stille Nacht" schleichen sich in die Gehörgänge. "Tiefer Frieden" und ein "Zillertaler Landler" haben so gar nichts Alpenländisch-Kitschiges an sich, fügen sich vielmehr unaufdringlich in die abwechslungsreiche Choreographie dieses spannenden und zugleich entspannenden Konzerts ein. "Gari, gari - brenne, brenne" ist eine heftigst herbeigeklatschte Zugabe, "Canzoni della Strada", eine weitere. Schöner können Straßenlieder aus fast aller Welt nicht sein.