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Mit dem Heuwagen über die Grenze:Schnorrer aus dem Tschuschenland

Ilsa Oberbauer, 76, ist Leiterin des Karlsfelder Heimatmuseums.

(Foto: Toni Heigl)

Ilsa Oberbauer war als Flüchtlingskind mit Anfeindungen und Vorurteilen konfrontiert

Wir sind Ende 1944 von Tachau im Egerland nach Paulusbrunn geflohen, das ist ein Ort, der zehn Kilometer von Tachau Richtung Bernau an der bayerischen Grenze liegt. Diesen Ort gibt es heute nicht mehr. Meine Mutter hatte gehört, dass die deutschen Frauen und Kinder in die Bergwerke in der Slowakei kommen. Zu dieser Zeit wohnten wir bereits bei unserer Tante. Unser Haus hatten die Tschechen besetzt, weil es ein schönes, neues Haus war. Unser Geschäft hatten sie auch in Besitz genommen. Wir hatten eine Lebensmittelgroßhandlung. Ein paar Sachen zum Essen hat man uns gelassen, sogar ein bisschen Geld, aber die wertvollen Sachen verpackten die Tschechen gleich in Kartons. Die Kisten mit dem Porzellan haben wir im Haus so lange hin- und hergeschmissen, bis es darin schepperte. Die Uhren drehten wir rückwärts, damit sie kaputtgingen. Total verrückt! Aber wir wollten nicht, dass andere Leute unsere Sachen bekommen.

Meine Mutter hatte Angst, dass wir in die Slowakei gebracht werden, die Situation war brenzlig. Am Abend des 5. Dezember 1944, es war schon Schnee, packten wir zusammen und luden unsere Sachen auf einen großen Heuwagen. Der Nachbar der Tante gab uns ein Pferd. Meine fünf Geschwister und meine Mutter - mein Vater war im Krieg gefallen - stiegen auf das Fuhrwerk, und ab ging es über die Grenze. Wir hatten ein paar Bücher mitgenommen, ansonsten nur das Notwendigste. Ich habe meine Puppe gerettet, das war ganz wichtig für mich, damit ich was zum Drücken habe.

Die Grenze war etwa drei Kilometer weit weg, uns hat keiner aufgehalten. Eine Stunde später waren wir in Bayern. Dann stürzte das Pferd und brach sich ein Bein. Meine zwei Schwestern gingen los und suchten jemand, der uns hilft. Es gab eine Gastwirtschaft, wo sich die Deutschen immer trafen. Da saß mein Onkel drin. Er war aus Albanien desertiert, wir wussten nichts von ihm. Alle haben uns geholfen. Wir konnten erst mal in der Gastwirtschaft bleiben. Dadurch dass der Ort so grenznah war, waren wir dort ja auch bekannt.

Über mehrere Lager sind wir in Milbertshofen in München gelandet. Dort verbrachten wir Weihnachten. Dann kamen wir über Miesbach nach Tegernsee. Alle drei Tage waren wir woanders. In dieser Zeit konnte ich nicht in die Schule gehen, das war sehr schlimm für mich. Ich wollte unbedingt lesen lernen. Ich hatte ein Buch, "Peterchens Mondfahrt", das mir meine Geschwister schon hundertmal vorgelesen hatten. Am 16. Januar bin ich dann in die Schule gegangen - in die erste Klasse. Das hat mich wahnsinnig geärgert, weil ich doch schon lesen konnte. Wir waren 64 Kinder in der Klasse. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

In Tegernsee war es hart. Die Leute haben gedacht, wir wären freiwillig gekommen; sie dachten, wir hätten nichts und wären nur deshalb gekommen. Dabei hatten wir 45 Angestellte in unserem Geschäft. In der Schule habe ich von einem anderen Mädchen erst mal eine Ohrfeige bekommen; sie wollte, dass ich tschechisch rede, aber das konnte ich ja gar nicht. Auf den Behörden haben sie uns aber sehr gut geholfen. Weil wir sieben Personen waren, wurden wir auf zwei Häuser in Tegernsee-Süd aufgeteilt. Wir wurden in den Mansarden einquartiert, es war furchtbar kalt dort. Unten war eine Bäckerei, da haben wir uns immer auf die Treppe gesetzt, weil es vom Backofen her schön warm war. Die Gesellen steckten uns ab und zu mal eine misslungene Breze zu. Die Besitzerin hat sich darüber wahnsinnig aufgeregt.

Danach kamen wir in die Villa Faber von Faber-Castell. Es war ein riesiges Sommerhaus, fünf Familien waren schon drin. Wir hatten zwei Zimmer, das Schlafzimmer war 45 Quadratmeter groß ,da hatten sieben Betten locker Platz und ein Schrank. Die Villa hatte schon was Herrschaftliches. Eineinhalb Jahre haben wir dort gewohnt. Dann wurden in Tegernsee Sozialwohnungen gebaut, in denen wir unterkamen. In Tegernsee war ich, bis ich heiratete. 1960 war mein Mann schon in Karlsfeld tätig, ich war Junglehrerin in Niederbayern. Damals habe ich mich nach Karlsfeld beworben, weil in Karlsfeld die Gemeinschaftsschule gebaut wurde. Dorthin wurde ich zum Glück dann auch versetzt. In Karlsfeld war es schon einfacher für mich. Wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, merkt man bei vielen, dass sie selbst Flüchtlinge waren. Die sagen dann zu mir: "Ihnen kann ich es ja erzählen, weil Sie das verstehen." Das Verständnis, dass man einen ähnlichen Lebenslauf gehabt hat, ist in Karlsfeld schon groß. Ich glaube auch, dass die Leute die anderen Flüchtlinge deshalb jetzt mit offeneren Armen empfangen.