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Sportvereine:Das Schweigekartell

Wolfgang Bössenroth von der Opferorganisation Weißer Ring.

(Foto: Weisser Ring)

Sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gibt es auch in Sportvereinen. Dass im Landkreis bislang erst ein solcher Fall bekannt geworden ist, ist für Experten eher ein Grund zur Besorgnis

Von Christiane Bracht, Dachau

Hilfestellungen im Sport, zum Beispiel bei Übungen am Schwebebalken oder Barren, beim Diskuswerfen oder im Judo, sind zweifellos manchmal nötig. Doch muss die Hand des Trainers die Brust des jungen Mädchens berühren? Oder muss sie gar im Schritt platziert werden? Marie Dinkel und einige andere Athleten haben in den vergangenen Wochen ihr Schweigen gebrochen und öffentlich über sexuellen Missbrauch im Sport erzählt: vom Trainer auf der Judomatte, der die Mädchen zuerst so fixierte, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten und ihnen dann in die Hose griff. Oder vom Reitlehrer, der immer wieder oral befriedigt werden wollte. Eine Fußballerin wurde gar vergewaltigt. Es sind erschütternde Berichte. Sich zu outen, "da gehört viel Mut dazu", sagt die stellvertretende Vorsitzende des ASV Dachau, Ingrid Sedlbauer. Sie weiß, dass das Thema ein Tabu ist. Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder mal Sportlerinnen, die von sexuellem Missbrauch berichteten. Aber das tat man als "Einzelfälle" ab. "Es ist einfach versickert. Aber jetzt kommt das Thema aus seiner Tabuecke heraus", sagt Sedlbauer hoffnungsvoll. Und auch ihr Kollege, der Präsident des TSV Eintracht Karlsfeld, Rüdiger Meyer, ist froh darüber.

"Jetzt wachen auch andere auf", sagt er. Seit Meyer vor sechs Jahren die Leitung des Vereins übernommen hat, ist sexueller Missbrauch ein Themenschwerpunkt geworden. "Ich habe es zur Chefsache gemacht, um es als zentrale Aufgabe im Verein zu verankern", sagt er. Doch obwohl der TSV knapp 4000 Mitglieder hat und seit mehr als 70 Jahren existiert, ist kein einziger Fall von sexuellem Missbrauch bekannt. "Dass da nie etwas vorgekommen ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen", sagt Meyer. Natürlich wolle er niemandem etwas unterstellen, aber das Training mit Kindern und Jugendlichen biete Menschen mit gewissen Neigungen die Chance, Opfer zu finden. Auch bei den beiden großen Dachauer Sportvereinen, sowie bei der SpVgg Erdweg und dem SV Petershausen ist bisher nichts bekannt. Nur Bernhard Wetzstein, Vorsitzender des TSV Indersdorf 1907, muss zugeben: "Vor eineinhalb Jahren gab's da schon mal einen Fall. Wir haben das intern geregelt."

Ein Fußballtrainer hatte offenbar anzügliche Bilder mit seinen Schützlingen ausgetauscht. Die Sache kam auf, weil ein Kind sich seinen Eltern anvertraut hatte und diese entsetzt den Verein zur Rede stellten. "Ein schlimmes Thema", sagt Wetzstein. Der Trainer sei sofort rausgeflogen und habe seither Hausverbot. Damals entschied sich der Vorstand, die Angelegenheit unter der Decke zu halten, auch heute ist man keineswegs erpicht darauf, den Fall an die große Glocke zu hängen.

Genau das ist das Problem, sagt Wolfgang Bössenroth. Er ist Vorsitzender des Weißen Rings Süd-Bayern, bis vor wenigen Tagen war er es auch für Dachau. Wenn man alles unter den Teppich kehre, könne der Täter weitermachen, wenn nicht in diesem Verein, dann in einem anderen - manchmal jahrelang. Die Kinder litten dagegen ihr ganzes Leben. Und was das Schlimmste sei: "Es ist statistisch nachweisbar, dass 60 bis 70 Prozent der Täter früher selbst einmal missbraucht worden sind." Umso wichtiger sei es, die Kinder zu behandeln. Das sei aber keine Selbstverständlichkeit, weil es für die Eltern ebenfalls ein Tabuthema sei, erklärt Bössenroth. Er appelliert deshalb an die Vereine, den Kindern Mut zu machen, sich bei Belästigungen zu äußern und an die Eltern, ihren Kindern zu glauben, wenn sie Derartiges erzählen. "Neben häuslicher Gewalt sind sexuelle Straftaten der Hauptanteil unserer Arbeit", sagt er. Die meisten Fälle geschähen im sozialen Umfeld der Betroffenen und der Weiße Ring müsse oft Kämpfe mit den Eltern ausfechten, weil sie die Sache unter der Decke halten wollen, anstatt die Kinder therapieren zu lassen. Bei 90 Prozent der Kinder, die eine Andeutung machen, steht etwas dahinter", warnt er.

Während Rüdiger Meyer den TSV Karlsfeld schrittchenweise auf den Fall der Fälle vorbereitet und gleichzeitig hofft, durch sein Engagement eventuelle Täter abzuschrecken, fühlt man sich anderswo relativ sicher, dass es zu derartigen Übergriffen gar nicht kommen kann. "Ein Trainer ist nie allein in der Kabine, außerdem machen sehr viele Eltern beim Training mit", sagt Hubert Doetsch, Vorsitzender des SV Petershausen. "Im ländlichen Bereich leben wir eben noch im Paradies der Seligkeit." Das sieht wohl auch Heinz Rottmeier vom SpVgg Erdweg so. "Es sind keine Maßnahmen nötig, weil nichts passiert ist", sagt der Vereinsvorsitzende. Der Kripo-Chef in Fürstenfeldbruck, Manfred Frei, ist davon allerdings nicht überzeugt. "Sexueller Missbrauch kommt öfter vor, als man glaubt." Nicht selten beginne es mit anzüglichen Bemerkungen in Chat-Gruppen, mit Bildern, und dann komme man langsam in sexuelle Praktiken hinein. "Irgendwann fühlen sich die Täter unantastbar und werden immer forscher." Und auch Bössenroth vom Weißen Ring warnt: "Sexualstraftaten passieren immer im sozialen Umfeld der Opfer. Es sind Menschen, denen die Kinder vertrauen." Und wenn der Täter sage: "Das ist jetzt unser Geheimnis", dann hielten sich die Kinder auch sehr konsequent daran. "Es gilt, sie aufzuklären, dass das kein Geheimnis ist und keines sein darf."

Mit dem TSV Eintracht Karlsfeld hat der Weiße Ring in diesem Jahr einen Kooperationsvertrag abgeschlossen. Präsident Meyer wollte Fachleute an seiner Seite wissen, um im Ernstfall richtig reagieren zu können. Außerdem unterstützt die Organisation den Verein bei der Präventionsarbeit. Auch beim ASV Dachau ist man aufmerksam. Ebenso wie in Karlsfeld gibt es hier zwei Vertrauenspersonen, an die sich die Kinder und Jugendlichen wenden können. Zudem werden regelmäßig Vorträge gehalten und Infomaterial verteilt. Trainer müssen erweiterte Führungszeugnisse vorlegen und einen Verhaltenskodex unterschreiben. "Wir haben auch Kooperationen mit Schulen und Kindergärten", sagt Ingrid Sedlbauer. Wenn Kinder auffällig würden, nehme man Kontakt auf, um herauszufinden ob das auch anderen Pädagogen aufgefallen sei. "Es ist schwierig: Wo geht es um Misshandlung, wo muss man eingreifen? Aber alle sind sensibilisiert", versichert Sedlbauer.

Beim TSV Dachau 1865 wird auch über das Thema geredet, man achte darauf, dass die Turnerinnen nicht mehr Spagat und Grätsche bei Küren auf dem Schwebebalken machten, so die stellvertretende Vorsitzende Gabriele Siegl. Doch so ganz sicher, ob die Kinder und Jugendlichen auch wissen, an wen sie sich im Ernstfall wenden könnten, sei sie sich nicht. "Wir werden jetzt eine Plakataktion machen."

© SZ vom 17.10.2020
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