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Michael Böhms neuer Roman:Weltenende in Dachau

Michael Böhm, 2018

Autor Michael Böhm.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Michael Böhm erzählt in seinem neuen Roman von einer kosmischen Bedrohung und zeichnet ein detailliertes Bild seiner Heimatstadt

Ein Gesteinsbrocken aus dem All rast auf die Erde zu. Gauß, wie sie ihn wegen seiner mathematischen Begabung früher an seiner Schule nannten, ist einer der wenigen, die von der tödlichen Gefahr wissen. Er arbeitet bei der US-Raumfahrtagentur Nasa. Nach 40 Jahren kehrt er ein letztes Mal in seine kleine oberbayerische Heimatstadt zurück. "Dort hat mein Bewusstsein eingesetzt und hier wird es auch zu Ende gehen." Bereits in den ersten Zeilen setzt der Dachauer Krimiautor Michael Böhm den unheilvollen Grundton seines neuen Buches "Die zornigen Augen der Wahrheit".

Titel wie Aufmachung lassen einen reißerischen Thriller erwarten, den man gut im Bett weglesen kann, bevor die Vögel wieder anfangen zu zwitschern. Doch hier gilt das englische Sprichwort "Don't judge a book by its cover". Wer Michael Böhm kennt, weiß, dass er ein Autor mit literarischer Ambition ist, und die Unterhaltungsebene allein ihm ein zu dünnes Brett wäre. "Das Böse war nie aus der Welt", schreibt er an einer Stelle, "in der dunklen Zeit war es von der Leine gelassen, heute scheint es gebändigt. Mehr aber auch nicht." Böhm lullt sich und den Leser nicht ein in seiner Romanwelt.

Das Buch ist ein Wagnis, denn der Dachauer Autor verschränkt verschiedene inhaltliche und erzählerische Ebenen: die drohende kosmische Katastrophe und den Kleinstadttratsch, Weltpolitik und kommunale Kungelei, kühne Fabulierlust und einen detailgetreuen Realismus. Letzteren werden Dachauer Leser schnell bemerken, denn die Kulisse für Böhms Roman ist unverkennbar Dachau: Es gibt eine Stadtpfarrkirche Sankt Jakob (maroder Glockenturm inklusive), ein Schloss mit Hofgarten und schönem Fernblick, es gibt eine Gedenkstätte und einen Fluss am Fuße der Altstadt, es gibt sogar einen Wahlfälscherskandal wie anno 2002.

Im Zentrum der Stadt steht eine stillgelegte Papierfabrik mit drei silbernen Schornsteinen, dessen Gelände sich der skrupellose Baumagnat Birgmann um jeden Preis unter den Nagel reißen will. Das kommt einem irgendwie schon alles extrem bekannt vor. "Realität und Fiktion verschmelzen immer wieder zu einem bunten Mosaik", schreibt Böhm in einer Art Nachwort in seinem Buch. "Auch wenn manches ähnlich dem Bekannten ist, so ist der Text dennoch nur ein Roman." Das ist ein wichtiger, ja, vielleicht notwendiger Hinweis, denn immer wieder begegnen einem Figuren, von denen man glaubt: "Hoppla, den oder die kenn' ich doch!" Die Überzeugungskraft der Figuren rührt allerdings schlicht daher, dass Böhm ein scharfer Beobachter ist. Er kennt die gutbürgerliche Dachauer Stadtgesellschaft, ihre Schrullen und kleinen Eitelkeiten und charakterisiert sie mit feiner Ironie: Die Bruderschaft mit dem illuminatenhaft klingenden Namen "Congregatio Cicero" ist ein Zirkel alteingesessener Bürger, die sich für die Elite der Stadt halten und die ihren Tratsch gerne mit lateinischen Sentenzen anreichern; dabei ist die Congregatio nur ein Stammtisch von Möchtegernen. Die vermeintlichen Strippenzieher haben in Wahrheit nicht den geringsten Einfluss, nicht mal auf das überschaubare Kleinstadtgeschehen.

Der Name "Dachau" wird in dem Buch übrigens kein einziges Mal genannt. So sichert sich Böhm die künstlerische Freiheit, die Stadt den Anforderungen des Plots anzupassen. An die Stelle des Bistros "Shakespeare" hat Böhm ein Lokal namens "Mark Twain" gesetzt - vorsorglich, denn mit diesem bierseligen Kleinkosmos hat er literarisch noch etwas vor. "Ich will immer wieder Neues ausprobieren", sagt er. "Selbst wenn ich damit scheitere."

Seine Autorenkarriere hat Böhm erst im Ruhestand angefangen. Das allerdings mit großem Erfolg. Für seine Petermann-Trilogie um einen mordenden Rentner wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet, was im Krimi-Genre ein Prädikatssiegel erster Güte ist. Böhm kann schreiben, keine Frage, und an Ideen mangelt es ihm auch nicht.

Für nicht mal 180 Taschenbuchseiten hat er diesmal allerdings fast ein bisschen zu viele Ideen auf einmal - und Figuren: Das ganze Dachauer Personaltableau muss erst einmal eingeführt und jedermanns Geschichte erzählt werden, alle Sehenswürdigkeiten der Stadt Dachau samt ihrer Vergangenheit als Künstlerkolonie und ihre NS-Geschichte sind einzubauen, und etwas Liebe und Erotik soll in dem Stoff ja auch noch knistern. Das alles bremst das Erzähltempo.

Die Erzählperspektive wechselt zwischen mehreren Protagonisten - es berichten der Rückkehrer Gauß, der urwüchsige Dachauer Fotograf Sixtus Adlmeier und der Arzt Dr. Arno Thann als Mitglied der Congregatio Cicero. In einem Kapitel kommen sogar zwei Esel Pat und Patachon als Augenzeugen zu Wort und berichten, was ihrem "Chef", dem Biobauern Toni Muhr, auf seinem Hof widerfahren ist. Das ist zugleich schaurig und unheimlich witzig. Solche literarischen Streiche kennt man von Autoren wie Lawrence Durrell, der sicherlich nicht ganz zufällig einer von Böhms ganz großen Idolen ist. Durrells Roman "Livia" taucht nebenbei im Roman als Lektüre auf einem Nachttisch auf, dazwischen wird auf der Parkbank in einem Buch von Albert Camus geschmökert. Diese kleinen liebenswerten Details verweisen auf die großen Literaten, die Böhm beeindruckt und teilweise auch geprägt haben. So verewigt Böhm nicht nur seine Heimatstadt, sondern auch sein literarisches Zuhause.

Michael Böhm: Die zornigen Augen der Wahrheit. Roman, Verlag Bookspot, 182 Seiten, 12,95 Euro.

© SZ vom 15.02.2020
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